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Darksiders 2 – Buch zum Spiel angekündigt – inkl. Leseprobe

Veröffentlicht 6. Juli 2012 | 16:00 Uhr von Sandra

Letzte Änderung 27. April 2015




Darksiders Roman

Am 17. August 2012 erscheint für PC, Playstation 3 und Xbox 360 das Action-Adventure Darksiders II. Um sich schon einmal auf das Spiel und seine Ereignisse einstellen zu können, bietet THQ in Zusammenarbeit mit Panini Comics den ersten Roman, angesiedelt im Darksiders Universum, ab dem 16. Juli 2012 im Handel an. Eine entsprechende Bestätigung erging heute mittels Pressemeldung von THQ.

Darksiders: Die Kammer der Macht lautet der Titel des Buches und dieser stammt aus der Feder des Autos Ari Marmell, der sich bereits in der Vergangenheit einen Namen machen konnte mit Büchern zu u.a. Dark Ages, Vampire: The Masquarade, Magic The Gathering: Planeswalker sowie diverse, andere Spielebücher. Darksiders: Die Kammer der Macht wurde komplett ins Deutsche übersetzt und erscheint im Panini-Verlag. Die Story des Romans spielt viele Zeitalter vor den Darksiders und Darksiders II Geschehnissen. Nichts desto weniger werden Leser Bekanntschaft mit vertrauten bzw. bald vertrauten Charakteren machen. Die im Buch vorkommenden Akteure sind Krieg und Tod, zwei gefürchtete Reiter der Apokalypse. Die beiden nehmen einen besonderen Auftrag an, denn sie sollen eine Gruppe von Abtrünnigen davon abhalten in einen mysteriösen Hort einzudringen, in dem übermächtige Waffen und eine unbegrenzte Macht versteckt liegen. Wie sich das Ganze anlässt, kann anhand einer offiziell durch THQ und Panini freigegebenen Leseprobe herausgefunden werden – bitte schön:

Historische / Mythologische - Anmerkung
Die Kammer der Macht spielt zu einer Zeit, die Äonen vor den apokalyptischen Ereignissen liegt, die in den Spielen Darksiders und Darksiders II stattfinden. Die Fähigkeiten der Reiter, ihre Waffen, Zauberkräfte und ihr Aussehen – und vielleicht auch ihre wahren Absichten – haben sich seit dieser Zeit geändert und entwickelt, manchmal sogar dramatisch. Die Schöpfung ist nicht das, was man gemeinhin darunter versteht. Eine Welt oder ein Universum im Herzen der Realität, ausschließlich für die Menschheit geschaffen, unter der Herrschaft einer freundlichen und wohlmeinenden Allmacht? Ein ewiges Leben nach dem Tod als Belohnung oder Strafe? Engel, die über uns schweben und einem Allmächtigen treu zur Seite stehen, dessen Absichten sie allesamt verstehen und ausführen? Im besten Fall ist das ein hoffnungsvolles Missverständnis, im schlimmsten Falle eine hinterhältige Lüge. Oh, sicher gab es einmal einen Schöpfer, aber was Er beabsichtigte oder gar die Frage, wo Er hingegangen ist, wird selbst für die weisesten Lebewesen ein ewiges Rätsel bleiben. Ein Leben nach dem Tod? Kaum. Nicht als Belohnung und auch nicht zur Strafe. Es gibt nur die Reinigung der Seele, ein Ausbrennen jeglicher Erinnerung, jeglichen Selbsts, bevor es durch die Quelle der Seelen gehen kann, um sich wieder mit dem Energiefluss der Schöpfung zu vereinen und neue Seelen für neue Generationen zu erschaffen. Engel? Das sind engstirnige, zuweilen auch eigensinnige Leute
und nicht einmal entfernt das älteste Volk im Kosmos. Sie verteidigen eine Schöpfung, von der sie nur glauben, sie zu verstehen, und sie sind Sklaven ihrer uralten Traditionen und der Gesetze des Himmels. Ja, es gibt einen Himmel. Und es gibt eine Hölle. Und noch viele Welten darüber, darunter oder jenseits davon. Welten, für die die Engel des Himmels und die Dämonen der Hölle töten würden – und es auch Millionen Male getan haben –, um die Herrschaft über sie zu erringen. Nur der Feurige Rat – nicht Engel, nicht Dämon, nicht Ältester,
sondern etwas anderes – hält die kämpfenden Parteien in Schach. Nur der Feurige Rat und seine furchtbaren Diener stehen im Mittelpunkt der Schöpfung und bewahren das Gleichgewicht vor denen, die es zerstören wollen. Die Schöpfung ist weit, weit mehr, als man gemeinhin darunter versteht. Und sie ist viel, viel älter, als es landläufiger Meinung entspricht.

Prolog
Das Licht war das Schlimmste. Hier, in den entlegensten Grenzregionen dessen, was man nur mit viel Wohlwollen die „zivilisierten“ Bereiche der Hölle hätte nennen können, erwartete Besucher das sichere Grauen. Besucher gab es nur selten, doch wären sie nicht enttäuscht worden. Die wenigen Pfade dieses speziellen Heiligtums bestanden aus rohem, aufgeschrammtem Fleisch, das in einem feuchten, wie entzündeten Rosa glänzte. Schweiß und andere Flüssigkeiten, sowohl fauliger als auch von intimerer Natur, tropften auf den unebenen Boden. Jeder Gang wand sich und zitterte, wie Öffnungen, die sich krampfhaft schlossen und nur von einem dünnen Gitterwerk offen gehalten wurden, das vielleicht aus altersbraunem Knorpel bestand. Oder vielleicht auch nicht. Bei jedem Schritt drohte man auszurutschen. Jeder Atemzug beinhaltete den säuerlichen, würgenden Gestank alten Schweißes. Jede Andeutung eines Luftzugs brachte das Echo ungehörten Stöhnens mit sich, das genauso gut Ekstase, Agonie oder eine unheilige Kombination von beidem hätte sein können. Und doch war das Licht das Schlimmste. Es flackerte und tanzte, wie Licht, das von Flammen ausging, aber sein Rhythmus war ungewöhnlich und unnatürlich. Es erhellte die
Umgebung in einem kränklichen Gelb, das schmerzhaft anzusehen war, und sich irgendwie heiß und klebrig auf der Haut anfühlte. Es ließ einen Schweißfilm auf allem erscheinen, das von ihm berührt wurde, als wäre das Licht selbst ein Krankheitsüberträger. In scheinbar unregelmäßigen Abständen waren Alkoven in die Kor10 ridorwände eingelassen; dort befanden sich die Quellen des grauenvollen Lichts. Dicke, hässliche Kerzen, manchmal nur eine oder zwei, manche bis zu zehn Schritt hoch, standen in öligen Pfützen. Nur wenn man diese wächsernen Säulen genau betrachtete, konnte man die Gestalten erkennen, die darin gefangen waren: einige waren dämonisch, andere Älteste und hin und wieder fand sich sogar ein Engel darunter.
Die Konturen jeder Figur verschwammen, ihr Fleisch verschmolz nahtlos mit dem sie umgebenden Wachs. Jede Kerze brannte langsam, quälend langsam ab und zehrte von Körper und Leben und Seele, um die Flamme zu nähren. Flammen, die tanzten und flackerten. Nicht dem Zufall überlassen, sondern im Rhythmus der immer noch schlagenden Herzen in ihrem Inneren. Am Ende des großen Tunnelsystems, eingebettet in eine Kreuzung dieser Gänge, gewann die Normalität ein wenig Oberhand. Eine Reihe zarter, verschiedenfarbiger Vorhänge verliehen der Kammer eine ganz besondere Atmosphäre. Eine Art Bühne, die sich stolz an der Wand aus Fleisch erhob, war aus ordinärem Granit erbaut – auch wenn das verwobene Knorpelgeflecht, das ein paar der Steine zusammenhielt, den Effekt etwas verdarb. Auf dieser Plattform wand sich ein ganzer Haufen Dämonen rund um einen marmornen Thron, der mit weicher Haut gepolstert und mit Haarlocken geschmückt war. Sie drängten sich dicht aneinander und bewegten sich beinahe wie ein einziges Lebewesen. Die meisten waren humanoid, aber darüber hinaus hatten sie wenig gemeinsam. Ein paar waren sehr schön, andere grauenhaft, einige geflügelt, andere an den Boden gekettet, ein paar männlich, andere weiblich, einige beides und einige nichts von beidem. Sie wanden sich und zuckten, stöhnten und schnappten jedes Mal nach Luft, wenn sich ihre Herrin zu ihnen hinabbeugte und mit ihren Händen, die zart waren wie Leichentücher, das von ihrem Fleisch streichelte, was sie erreichen konnte. Ihre Haut war vom tiefen Purpur eines mitternächtlichen Sturms, ihr dunkles Haar wand sich zu Hörnern, die ihren unirdischen Reiz noch betonten. Ihre smaragdfarbenen Augen hätten einen Engel zur Sünde verleiten können und hatten es zu mehr als einer Gelegenheit
auch getan. Sie hatte ein Gesicht, das selbst in einem Toten Verlangen hätte wecken können und eine Figur, die einen Golem hätte schwitzen lassen. Sie war fleischgewordene Leidenschaft auf einer beinahe göttlichen Ebene. Lust umgab sie so dicht, dass sie beinahe mit den Händen greifbar war, ein nahezu animalischer Duft entströmte ihr bei jeder Bewegung. Wahrlich, nur wenige im Himmel, in der Hölle oder irgendwo dazwischen, konnten ihr widerstehen. Man hätte ihr freudig erlaubt, bei lebendigem Leib gehäutet zu werden, wenn man sie dafür nur hätte ansehen und anbeten dürfen, während sie dies tat.

Lilith, Königin der Dämonen, die Mutter aller Monster, Geliebte und Betrügerin, Versucherin und Verräterin. Der exquisiteste Irrtum der Schöpfung. Die ganze Kammer war schwach, aber beständig vom Knistern der Kerzenflammen erfüllt, den Seufzern von Liliths derzeitigen Favoriten und dem Wispern der durchsichtigen Seidenvorhänge. Lilith selbst schwieg, doch sie hatte ihre Aufmerksamkeit auf die kraftvolle Figur gerichtet, die am Fuß des Podiums stand und die Quelle der einzigen Geräusche war, die wirklich Bedeutung hatten. Besucher und
Bittsteller waren hier in den Grenzbereichen der Hölle selten, in den Räumen der Dämonen, die in Ungnade gefallen waren. Und dieser Besucher hatte immerhin versprochen, Interessantes zu berichten. Er trug einen Umhang von zerschlissenem Grau, und seine Züge waren im Schatten einer Kapuze verborgen – als hätte ein solch simpler Trick seine Identität vor Lilith verbergen können, zumal in ihrem eigenen Heim. Dennoch erlaubte sie ihm diese Scharade und wog seine Worte ab, während er ihr von seinen Plänen erzählte und von seiner
Hoffnung, was die Königin der Dämonen dazu beitragen könnte. Er hielt den Blick gesenkt, während er sprach – vielleicht ein Zeichen der Ehrerbietung, doch wahrscheinlicher ein kraftloser Versuch, sich vor der überwältigenden Kraft ihrer Präsenz zu schützen. Sie fand die Bemühung amüsant. „Warum?“ Als sie endlich sprach und damit dem Fremden das Wort abschnitt, klang ihre Stimme verärgert und beleidigt, verführerisch und abstoßend zugleich. Als wäre der Sucht eine Stimme verliehen worden. „Warum kommst du damit zu mir?“ „Ich dachte, das hätte ich deutlich gemacht.“ Die Worte des Fremden wiederum klangen brummig und mit nur der Andeutung einer Satzmelodie, wie ein Troubadour, der seine Stimme verloren hatte. „Es ist bekannt, wie hart Ihr mit den Nephilim verfahren seid, bevor sie ausgerottet wurden, selbst wenn man bedenkt, dass Ihr die Natur Eurer Beziehung zu ihnen versteckt hieltet. Man sagt, dass Ihr mehr über sie wisst als jeder andere, ausgenommen vielleicht dem Feurigen Rat. Wer sonst wäre geeignet, das Vermächtnis anzutreten, das sie hinterlie-“ „Ja, ja, ja.“ Lilith unterbrach das Streicheln der Dämonen zu ihren Füßen lange genug, um abzuwinken. Selbst diese kurze Pause veranlasste ihre Lieblinge, verzweifelt aufzuschreien. „Das verstehe ich ja, Dummkopf. Ich meine, warum sollte man Zeit darauf verschwenden? Es war mutig von dir, herzukommen – manche würden sagen, es war töricht –, aber was soll das bringen? Was konnte dich veranlassen zu glauben, ich wollte mich in deine Ränke einmischen?“ Die schäbige Kapuze rutschte ein Stück zurück, so verwirrt war der Sprecher. „Ich … ich nahm an, Ihr würdet den Nutzen erkennen, wenn wir unsere Kräfte zusammenlegen. Ihr habt keinen Grund, den Himmel oder die Hölle zu lieben. Ihr könntet Euch an jedem rächen, der für Euren derzeitigen Rang verantwortlich ist, vielleicht sogar die großen Parteien und den Feurigen Rat dazu bringen, Euch wiederzugeben, was Euch genommen wurde! Ihr – “ „Was mir genommen wurde, ist weniger wichtig, als du zu glauben scheinst“, zischte Lilith und beugte sich plötzlich vor. „Sicher ist es nicht genug, um mich gegen alle Kräfte der Schöpfung zu wenden! Ich habe meine eigenen Pläne, die viel subtiler sind als die Kriege, die du zu entfachen hoffst. Du bietest mir enorme Macht an, ja, aber geteilte Macht. Macht, die deine eigenen Pläne unterstützen soll. Und ich habe nicht die Absicht, Pläne, die bereits umgesetzt werden, zu stoppen. Ich werde alles wieder erlangen, was mir gehört, und
mehr – aber auf meine Art und zu meiner Zeit! Es tut mir leid, aber du wirst deine kostbaren Geheimnisse an einem anderen Ort feilbieten müssen.“ „Ich verstehe.“ Der Bittsteller zu ihren Füßen nickte. „Dann haben wir nichts mehr zu besprechen, denke ich. Ich sollte – “ „Oh, so weit würde ich nicht gehen.“ Lilith räkelte sich träge in ihrem Thron, wölbte den Rücken und drückte ihre Brüste mit offensichtlicher Absicht gegen die hauchdünne Seide. „Ich will nicht, dass du unglücklich fortgehst.“ „Ihr wollt nicht, dass ich als möglicher Feind gehe, sollte ich doch Erfolg haben“, erwiderte der andere. Er war gut. Er hatte das Zittern in seiner Stimme fast verbergen können, diesen Schauder des Verlangens in seinem Körper. „Das will ich nicht leugnen.“ Liliths Lippen, dunkler als Wein, teilten sich, als ihre Zungenspitze langsam über Zähne strich, die weiß hätten schimmern können, wenn da nicht das Licht gewesen wäre, das sie beinahe gelb wie einen Blitz erscheinen ließ. „Aber sicher willst du mich auch nicht zum Feind. Nicht, wenn wir uns in besserem Einvernehmen trennen können; wenn selbst eine informelle Allianz so viel … erfreulicher sein könnte.“ Sie wusste, welche Wirkung sie auf ihn hatte, die Wirkung, die sie auf jeden hatte. Es war nicht einmal Verführung, nicht wirklich.
Verführung beinhaltete eine Wahl, und Liliths pure Natur nahm den meisten Personen mit Verstand diese Wahl. Sie konnte förmlich sehen, wie ihr Einfluss wie eine Flut von Gier über ihn hereinbrach. Er tat einen bebenden Schritt nach vorn, stellte einen Fuß auf die Stufen des Podests und streckte eine Hand nach ihr aus … Und genauso schnell straffte er seine Gestalt und zog sie wieder zurück. „Nein. Ich gehe nicht als Euer Feind, Lilith, damit könnt Ihr Euch zufriedengeben. Aber ebenso werde ich nicht als Euer Spielzeug gehen.“ Lilith prallte zurück, so heftig, dass ihr Thron erzitterte. Für einen langen Augenblick schwankte ihr Gesichtsausdruck zwischen Überraschung und Zorn, dann wandelte er sich in argwöhnischen Respekt. „Sie muss Euch wahrlich viel bedeutet haben“, sagte sie, in eine respektvollere Anrede verfallend. Jetzt war es an ihm, zurückzuprallen, sichtlich verblüfft und mehr als nur ein wenig beunruhigt darüber, wie genau seine Gastgeberin nicht nur über seine Identität, sondern auch über seine Geschichte und seine Absichten Bescheid wusste. „Geht, bevor ich Euch Euer Verhalten verüble“, fuhr Lilith fort, bevor er Luft holen konnte, um zu antworten. „Geht und findet Eure Spielzeuge. Ich erwarte gespannt, wen Ihr zum Spielen einladet, wenn Ihr sie erst Euer Eigen nennt.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er. Lilith starrte noch lange die gegenüberliegende Wand an und ignorierte die flehenden Rufe ihrer Lieblinge. Ihre Finger trommelten nachdenklich auf den Lehnen des Throns. Der Besucher ging mit langen Schritten und grimmigem Gesicht durch die fleischigen Gänge. Jeder Fluch der Schöpfung lag ihm auf den Lippen, doch noch wollte er sie nicht laut aussprechen – wenigstens nicht, bis er sich sicher außerhalb der Hörweite Liliths befand. Er konnte sich unnötige Feinde wirklich nicht leisten. Noch nicht. Während seiner Wanderung kam er an keinem einzigen Raum und keinem Durchgang vorbei, der ihn aus dem Hauptkorridor hinausgeführt hätte. Aber er hatte keinen Zweifel, dass sie existierten, wahrscheinlich öffnete sich das Fleisch nur dann, wenn eine Öffnung gebraucht wurde. Er schauderte unter seiner Robe. Zähe Flüssigkeiten schmatzten unter seinem Schritt oder tropften von oben auf ihn herunter, während der Gang erzitterte. Einmal trat er sogar auf eine besonders weiche und nachgiebige Stelle und sank beinahe knietief ein, bis sich die Substanz nicht weiter dehnte, und wurde mit einem obszönen Seufzer aus der Ferne belohnt. Es war eine Erleichterung, dass er endlich den Ausgang erreichte – oder besser die grausigen Falten ledriger Haut, die als Tür fungierten – und sich auf den öden Ebenen der „richtigen“ Hölle außerhalb von Liliths „Palast“ wiederfand. Verkohlte Felsbrocken zerbröckelten unter jedem seiner Schritte, und er konnte spüren, wie die Hitze sein Gesicht verbrannte, obwohl die gewaltigen Gruben und Flammensäulen
noch weit entfernt waren. Unmögliche Spiralen, Häuser und Türme von mächtigen Dämonen, ragten gekrümmt über den Horizont wie Drohungen an den zerrissenen Grenzen der Realität.

Obwohl ihre infernalischen Bewohner so weit von ihm entfernt waren, stellte er dennoch fest, dass er nicht allein war.
Sie wartete auf ihn, kauerte auf dem von Spalten und Rissen durchzogenen Boden. Auf den ersten Blick war sie alles, was Lilith nicht war. Ihre Gesichtszüge waren breit und irgendwie flach, nicht wirklich hässlich, sondern eher oberflächlich, so als habe ein Bildhauer daran gearbeitet, der seine Werkzeuge schließlich fortgeworfen und entschieden hatte „Es … ist genug.“ Haar von der Farbe sich abkühlender Lava fiel über ihre Schultern, die in grober, eckiger Rüstung steckten. Alles an ihr war grobschlächtig, selbst als sie sich vor ihn stellte, um ihn zu grüßen. Der Besucher mit der Kapuze brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass er ihr tatsächlich nur bis zum Kinn reichte. Sie wurde rechts und links von zwei entfernt humanoiden Gestalten begleitet, die halb so groß waren wie sie und aussahen, als wären sie grob aus Stein modelliert. Sie waren mit glühenden Sigillen bedeckt. Selbst ohne diese von gespenstischem Leben beseelte Leibwache
hätte der Besucher in ihr eine Erschafferin erkannt – Angehörige eines der ältesten Völker, weshalb man sie auch schlicht die Alten nannte. „Ich hätte dir sagen können, dass es sie nicht sonderlich interessiert.“ Die Frau sprach mit ruppiger Stimme. „Ich fürchte, ich verstehe nicht …“ „Lilith. Dein Plan. Ich habe freien Zugang zu diesem Bereich und habe alles gehört. Ich hätte dir sagen können, dass es sie nicht interessiert.“ Sie zuckte heftig mit den Schultern, was dazu führte, dass ihre ganze Rüstung sich verschob. „Einst war sie verzweifelt bemüht, das Wissen und die Macht wiederzuerlangen, die man ihr gestohlen hatte, aber das ist lange her. Sie wandte sich anderen Zielen zu und diese erfordern
nicht die Art von brutaler Kraft, die du anbietest.“ „Und du bist dir dessen sicher, weil …?“ „Weil ich Jahrhunderte versuchte, sie davon abzubringen. Ich habe mein Los mit dem ihren verknüpft, mein Reich verlassen und mein Volk, weil ich von dem Gedanken an die Wunder, die sie wirken – und schaffen – könnte, fasziniert war. Ich habe wesentlich mehr Zeit und Mühe darauf verwendet als du, und doch nicht mehr Erfolg gehabt.“

Die Gestalt in der grauen Robe hob die Hand und kratzte sich kurz an ihrem Kinn. „Ich verstehe. Und wer genau bist du?“
„Belisatra.“ Ein kurzes Nicken folgte. „Ich habe von dir gehört. Du bist eine Erschafferin und Liliths Liebling.“ Belisatra runzelte die Stirn. Die beiden Gestalten an ihrer Seite bewegten sich. Stein kratzte ohrenbetäubend auf Stein. „Du könntest wenigstens etwas Mühe darauf verwenden, nicht beleidigend zu sein“, erklärte sie. „Wenn man bedenkt, dass ich dir Hilfe anbieten will.“ „Du? Warum?“ „Wenn wir Erfolg haben, kann ich den Feurigen Rat dazu bringen, Liliths Macht wiederherzustellen. Ich kann ihr zur Seite stehen, wenn sie die Schöpfung ändert. Und ganz abgesehen von Lilith, finde ich das Erbe, das du suchst, mindestens genauso faszinierend wie die größte ihrer Schöpfungen.“ Natürlich hegte er Zweifel und Misstrauen, und er wäre ein Narr gewesen, hätte er das nicht getan. Und sie wäre ein ebenso großer Narr gewesen, hätte sie diese Zweifel und das Misstrauen nicht erwartet. Aber an wen hätte er sich letzten Endes sonst wenden sollen? „In Ordnung, wenn du denkst, dass du – “ „Aber ich will es erst sehen.“
Der Mann mit der Kapuze ließ einen Seufzer hören, der aus dem tiefsten Inneren seiner Seele zu kommen schien. „Warum denkt jeder, er könne mich ständig unterbrechen?“ Dann, bevor Belisatra ihm antworten konnte, sagte er: „Was genau willst du sehen?“ Die Schöpferin lachte, tief und heiser. „Halte mich nie für eine Närrin. Du wärst nie damit zu Lilith gegangen, wenn du nicht absolut sicher wärst, dass sie noch existieren, wenn du nicht wenigstens einen von ihnen gefunden hättest. Außerdem kann ich die Ausdünstungen beinahe riechen. Ich habe vielleicht nicht Liliths Erfahrung und bin, was die Nephilim angeht, keine Expertin wie sie. Aber ich erkenne ihren Geruch sehr wohl.“ Seine Robe raschelte, als er sich darunter bewegte. Die Kapuze zuckte, als wolle er sich davon überzeugen, dass keiner in der Nähe war, der spionieren konnte. Dann, mit einem einzigen Ruck seines Handgelenks, hatte der Reisende sie in der Hand. Der Gegenstand war in keiner Weise sonderlich beeindruckend. Es war nur eine Pistole, grob und klobig. Die Erschaffer stellten schon seit Jahrhunderten, wenn nicht länger, kunstvollere Waffen her. Im Zentrum der Waffe saß eine komplex aussehende Reihe von mehrkantigen, schweren Zylindern, die sich klickend drehten und rotierten, um den dreifachen Lauf der Waffe immer wieder neu zu laden. Belisatra runzelte die Stirn. „Ich habe irgendwie mehr erwartet.“ Sie wollte wegsehen und stellte beinahe sofort fest, dass sie es nicht konnte. Die Waffe schien auf einmal fester, schwerer und viel realer zu sein als der Mann, der sie hielt oder die öde Ebene, auf der sie standen. Sie zerrte am Blick wie ein widerspenstiges Kind, das den Griff nicht lösen wollte. Sie sah den inneren Aufbau der Waffe, die Mechanismen, obwohl dies eigentlich gar nicht möglich war. Die Waffe öffnete sich nicht, die Teile glitten nicht voneinander fort, sie sah einfach sowohl in das schreckliche Ding hinein als auch auf seine äußere Form. Sie sah, und sie wusste, dass das Metall des Rahmens aus eingeschmolzenen Hinterlassenschaften und uralten Kunstwerken bestand. Sah die Sehnen, die sich durch gezackte Zahnräder wanden, das verschrumpelte Visier, das sich zwischen den Läufen befand, um die Zielgenauigkeit des Schützen zu verbessern, das alte Blut, das immer noch unmöglich frisch durch das Eisen selbst zirkulierte; die Schlagbolzen aus Knochen und den scheinbar unbegrenzten Vorrat an Zähnen, die durch die Dimensionen herangezogen wurden, um als Projektile zu dienen. Auf ganz eigene Art und Weise war das sogar beunruhigender als die organischen Durchgänge, die sich durch Liliths Heim gezogen hatten. Sie waren gezüchtet worden, aber das? Das hier war gestohlen worden, aus den Hoffnungen und Organen, den Synapsen und Seelen von Lebenden gemacht. Auf einer unterschwelligen Ebene konnte sie spüren, dass das Ding immer noch schrie. „Das hier“, sagte der Reisende mit gedämpfter und beinahe ehrfürchtiger Stimme, „ist die Schwarze Gnade.“ „Was …“ Belisatra trat einen Schritt zurück und riss schließlich den Blick von dem toten Gegenstand in seiner Hand los. „Was tut es …?“ „Heutzutage tötet es einfach. Heutzutage ist es nur noch eine besonders mächtige Waffe mit einer ziemlich geschmacklosen Munition. Aber zu seinen besten Zeiten, als die Nephilim noch zwischen den Welten wanderten und dabei ganze Völker im Vorbeigehen vernichteten? Ein Soldat, der mit einer Schwarzen Gnade bewaffnet war, konnte ganze Armeen niederwerfen. Das hier ist keine einfache Pistole, Belisatra. Die Schwarze Gnade ist ein Gestalt gewordenes Massaker, ein Bote des Genozids. Du und ich, wir werden sie zu neuem Leben erwecken – und wir werden auch die anderen finden.“ Dann fügte er mit eindringlicher und herausfordernder Stimme hinzu: „Wenn du noch dabei bist, selbstverständlich.“ „Ja.“ Wieder wurde ihr Blick von der Waffe angezogen, aber jetzt lagen Faszination und Gier darin, nicht verwirrte Abscheu. „Oh, du könntest mich nicht davon abhalten!“ Unter der Kapuze blitzten Zähne in einem schiefen Lächeln auf. „Nun denn, meine Gefährtin …“ Wieder zuckte sein Handgelenk, und die Schwarze Gnade verschwand in einem weiten Ärmel. „Du könntest vorschlagen, wo wir beginnen sollen.“ „Ich denke, das könnte ich. Ich …“ Sie legte den Kopf schief. „Wir werden meine kleinen Helfer rufen müssen.“ Sie streckte träge die Hand aus und strich mit den Knöcheln einer Hand über die Steinfigur neben ihr. „Sie werden versuchen, uns aufzuhalten, weißt du.“ „Sollen sie es versuchen. Ich kenne die Wege von Himmel und Hölle zu gut, um mich von ihnen …“ „Und die Reiter?“ Wieder hielt er mitten im Satz inne. „Die Hunde des Feurigen Rats? Was ist mit ihnen?“ Belisatra lächelte ohne die geringste Freude. „Du hast also eindeutig schon von den Reitern gehört. Und genauso sicher weißt du nichts über sie.“ „Tödlich, von geradezu obszöner Macht, gnadenlos und all das, jaja.“

„Ich meine, wer sie sind. Die Vier Reiter der Apokalypse sind die Schergen des Rats, ja. Aber sie sind auch die letzten der Nephilim.“ Der andere sog scharf die Luft ein. „Die Nephilim sind tot!“ „Als Volk, ja. Aber bis auf den Letzten? Nicht ganz. Und sollten sie von deinen – unseren – Bemühungen erfahren, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie wohlwollend darauf reagieren.“ Der Reisende tat einige ruhige Atemzüge, dann sagte er: „Es interessiert mich nicht wirklich, wie sie reagieren. Mein Streit gilt den Generälen der Weißen Stadt und den Herzögen der Hölle, nicht den Reitern. Aber nach allem, was sie getan haben? Ich bin ziemlich sicher, dass in der gesamten Schöpfung keine einzige Träne vergossen werden wird, wenn die Nephilim wirklich und vollends aussterben.“

Die Asche schien sich endlos zu erstrecken.  Zuerst nur eine feine Schicht, einer dünnen Decke aus klebrigem, grauem Schnee ähnlich. Tief genug, wenn auch nur gerade eben, um Spuren darin zu hinterlassen – aber dazu hätte es jemanden gebraucht, der Spuren hätte hinterlassen können. Nach wenigen Fingerbreit allerdings pressten sich die feinen Körnchen ganz plötzlich enger zusammen. Feiner Staub wurde erst zu Treibsand, ja, Kies, dann zu einem regelrechten Sumpf. Und darunter hatte die Asche schon so tief und so lange gelegen, dass sie zu einer unnachgiebigen Schicht geworden war, so hart wie die Erdkruste. Wenn diese Welt je eine andere Oberfläche als diesen Staub und diese Asche gehabt hatte, war sie so tief begraben, dass sie nie wieder ans Tageslicht kommen würde. Die Asche erfüllte auch die Luft und schuf einen ständigen Schleier vor dem Horizont. Sie brach das Licht zu ewiger Dämmerung und sperrte die wenigen geduldigen Funken dessen aus, was einst eine Sonne gewesen war. Für die Wenigen, die den Schleier zu ihrem Unglück durchdrangen, lagerte sich der Gestank von verbranntem Öl und verkohltem Fleisch wie eine klebrige Schicht in Nase und Kehle ab. Der Wind wehte unaufhörlich über das verdorrte Land, seit es keine Erhebungen wie Berge, Wälder oder Mauer mehr gab, und verweigerte dem würgenden Staub, jemals irgendwo zur Ruhe zu kommen. Genauso ausdauernd und über den ständig heulenden Wind hinweg hörbar – wenn man sich die Mühe machte, hinzuhören –, war das Läuten einer unmöglichen und unfassbar fernen Glocke. Sie konnte in diesem öden Reich nicht existieren, und sie existierte auch nicht. Da war nur das anhaltende Echo von etwas, das einst gewesen war, und es erklang weniger in den Ohren als vielmehr in der Erinnerung. Es war nicht nur eine tote Welt, sondern eine, die man ermordet hatte. So verbreitet und vielfältig das Leben hier einst gewesen sein mochte, nun war es schon lange ausgelöscht und hatte nichts als Tod hinterlassen.

Noch nicht ganz so lange war auch Tod hier. Er stand am Rand einer grauen Düne, vor einer gedrungenen, abgerundeten Struktur, die nur wenig mehr als eine Blase in der Asche war, vergilbt und altersnarbig. Selbst die vom Wind aufgepeitschte Asche schien ihn nicht berühren zu wollen und flog in kurzen, böigen Schwaden um ihn herum. Die Sohlen seiner alten, ausgetretenen Stiefel blieben noch über selbst der obersten, losesten Schicht der verharschten Asche, als hätten sie kein Gewicht – oder vielleicht war es auch so, dass die Asche nichts mit der Gestalt zu tun haben wollte. Haar, so schwarz wie der Schatten eines Dämons, hing ihm in matten, schmierigen Locken auf die Schultern herab. Darunter wehten zerrissene und fleckige Stoffstreifen von einem kranken Violett; sie ragten aus seinem Gürtel heraus, als wären es nur Überreste eines Kleidungsstücks, eine Tunika oder ein Umhang vielleicht. Die zusammengestückelte Rüstung und das dunkle Leder, die er von der Taille an abwärts trug, und auch die ausgefransten Streifen, die er um seine Handflächen und Unterarme gewickelt hatte, waren gleichermaßen dreckstarrend und ungepflegt. Sein Körper war drahtig, seine Haut schmutziggrau wie die einer Leiche. Allein die tief gefurchte Maske, die sein Gesicht vor der gesamten Schöpfung verbarg, strahlte in ihrem knochigen Weiß annähernd eine gewisse Reinheit aus. Die gähnenden Augenhöhlen – in denen Augen, die nicht blinzelten, orangefarben glühten – und die allgemeine Form der Maske reichten aus, um in der Vorstellung eines jeden Betrachters den Eindruck eines Totenschädels hervorzurufen. Das Fehlen eines Mundes und anderer Gesichtsmerkmale machte es nur noch schlimmer.

Kein fühlendes Wesen war in dieser Welt übrig geblieben, um ihn anzustarren und selbst wenn, hätte die würgende, von Asche erfüllte Luft es verhindert. Dennoch nahm er die Maske nicht ab, zog diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht. Sie war längst ein fester Teil von ihm, eine unveränderliche Barriere zwischen dem, was er einst gewesen war und was er nun darstellte. Tod stand aufrecht da, die Hände vor sich ausgestreckt, und seine Maske zitterte leicht, als er lautlose Gesänge vor sich hinmurmelte. Die Magie des Ältesten der Reiter wurde vom Wind aufgenommen und grub sich tief in die Asche. Und da, wo nichts mehr lebte, antwortete das vor Urzeiten Gestorbene. Versteinerte und rußfleckige Knochen regten sich, wanden sich wie Schlangen auf dem Weg zur Oberfläche, durchstießen sie schließlich und gelangten an die Luft, wo sie sich zu einem veritablen Dickicht formten. Immer dichter, immer enger verschlungen. Sie tanzten eine Weile zu einem Orchester, das nur Tod hören konnte. Schon lange zu pudrigen Flecken vertrocknet, wurde Blut wieder flüssig und strömte blubbernd dahin. Wo die Knochen nicht perfekt aufeinander passten, füllte dieses Blut die Zwischenräume und mischte sich mit der Asche der Umgebung zu einem dicken, zähen Mörtel. Und dort, wo diese makabre Konstruktion feinere Arbeit benötigte, als die rohen Materialien bieten konnten, erschienen Tods Helfer. Ghule – die verfallenen Leichen von Wesen, die in dieser Welt nie entstanden waren – materialisierten sich im Äther, wiederbelebt vom Willen des Reiters und durch die Grenzen der Dimensionen gezogen. Mit willenloser Gehorsamkeit, aber höchster Präzision, arrangierten sie die Gebeine neu. Mit überraschender Schnelligkeit, ebenfalls dirigiert von Tods Magie und der seiner Diener, entstand ein Gebäude um die kleinere Struktur herum. Hin und wieder erschienen für einen Augenblick Gesichter in der Asche, die ihn dabei beobachteten, wie er seine nekromantische Magie wirkte – vielleicht Phantome der Welt, die einst existiert hatte, oder vielleicht auch nur trügerische Spiele des Lichts. Plötzlich spürte er Leben neben sich, ein Wesen in der Nähe, das vorher nicht dagewesen war. Im gleichen Augenblick hörte er über sich einen Warnlaut. Flügel schlugen schnell gegen den Wind, räudige Federn umwirbelten ihn. Eine große Krähe umkreiste ihn zweimal und ließ sich dann auf seine Schulter nieder. „Ja, Staub.“ Tods Stimme war tief und sonor, wie ein kalter Hauch aus einem offenen Grab. „Ich spüre es auch.“ Er hob eine Hand, und die Waffe, die er beiläufig zur Seite gelegt hatte, flog wie von selbst in seinen wartenden Griff. Die Sense war riesig, größer als ihr Träger, die Klinge schrecklich anzusehen: schartig und gearbeitet wie der Flügel einer riesigen Bestie und länger als Tods ausgebreiteten Arme von Hand zu Hand reichten. Die Ghule beendeten ihre Arbeit und wandten sich ab, verharrten. Staub stieß einen zweiten, durchdringenden Schrei aus und erhob sich wieder in die Luft – um nach Feinden Ausschau zu halten, aber auch, um sich vor einer möglichen Gefahr in Sicherheit zu bringen. „Feigling“, sagte Tod, aber es klang nicht unfreundlich. Er blinzelte und starrte in den ascheerfüllten Wind, dann fiel seine Entscheidung. Schneller als ein Gedanke begann seine Sense sich zu verformen und war für einen Augenblick lang fast flüssig. Danach hielt Tod zwei Waffen in der Hand, wo es zuvor nur eine gegeben hatte. Zwei gebogene Schwerter, dick und schwer, geformt wie Messer, dabei wuchtiger als die meisten Schwerter. Klingen, die in den gewaltigen Böen leichter zu schwingen und zu werfen waren, als die sperrige Sense. „Ich wusste gar nicht, dass du das kannst.“ Tod hatte die hohe, spöttische Stimme noch nie zuvor gehört. Trotzdem erkannte er, als er sie jetzt hörte, seinen Besucher noch vor dem Auftauchen seiner Silhouette in den Rußschleiern. „Ich bin Tod“, sagte er schlicht und ganz ohne Pomp oder Eitelkeit. „Und Ernter ist an mich gebunden. Welches Werkzeug auch immer ich brauche, er vermag es zu formen. Hallo, Panoptos.“ „Du hast von mir gehört? Ich fühle mich geschmeichelt.“ Die düstere Gestalt, die sich nun vollends aus den Schleiern hervorschälte, war selbst für die Begriffe des Reiters etwas Besonderes. Hager, beinahe dürr, ein Humanoider von der Taille an aufwärts, ging seine Erscheinung unterhalb der Gürtellinie in halbfeste Ausdünstungen über. Seine Arme und Finger waren überlang und wirkten gedehnt, seine Flügel gezackt und breit. Sein längliches Gesicht war dem von Tod ähnlich, aber es fehlte ihm eine Mundöffnung, auch wenn ihn das nicht vom Sprechen abhielt. Stattdessen befanden sich eine ganze Reihe von smaragdfarbenen Augen darauf, die sich umeinander drehten und über eine gelatineartige Oberfläche glitten. Normalerweise waren es neun, doch aufgrund der ständigen Bewegung und der Tatsache, dass hin und wieder gelegentlich eines verschwand, um anderswo wieder neu aufzutauchen, änderte sich die Zahl ständig. „Nicht doch. Der Feurige Rat hat mir von dir erzählt“, entgegnete Tod. „Und meine Brüder haben mir noch mehr von dir berichtet. Möchtest du erraten, wem ich mehr Glauben schenke?“ „Ohhh.“ Die Kreatur kicherte leise. „Sicher weißt du es besser, als auf Klatsch und Gerüchte zu hören!“ „Kommt darauf an, wer diese Gerüchte verbreitet.“ Tod erlaubte Ernter, seine ursprüngliche Form wieder anzunehmen, die einer imposanten Sense, und lehnte ihn gegen die halbfertige Knochenmauer. Auf einen unhörbaren Befehl von Tod nahmen die Ghule ihre Arbeit wieder auf. „Also“, sagte Panoptos, der, offenbar unbeeinträchtigt vom böigen Wind, mal hier, mal da erschien. „Willkommen zurück. Du hast dir wirklich einen gemütlichen Ort für ein Heim ausgesucht. So … ganz dir entsprechend.“ Die innere, ältere Struktur war bereits von den neueren Wänden aus Knochen umgeben und deshalb offenbar seiner Aufmerksamkeit entgangen. Es war eine Beobachtung, die Tod sich nicht verpflichtet fühlte zu korrigieren. „Ich genieße die Aussicht.“ „He! Zwietracht sagte schon, dass du ein sarkastischer Bastard bist.“ „Was willst, du, Panoptos?“
Offenbar hatte die Kreatur nicht die geringste Absicht, Tods Frage zu beantworten, zumindest jetzt noch nicht. „Wo warst du in den letzten Jahrhunderten eigentlich?“ „Das würde ich selbst dem Feurigen Rat nicht sagen, falls er mich fragen sollte. Warum sollte ich bei dir anders verfahren?“ Wieder erklang das irritierende kleine Lachen. „Natürlich als Geste
der Freundschaft! Ich möchte so sehr, dass wir Freunde werden.“
„Es ist gut, Ziele zu haben. Das hält uns bei der Stange“, beschied ihm Tod. „Aber ich wette, du kommst sehr gut ohne aus.“ „Wie unfreundlich! Wir haben uns doch gerade erst getroffen!“ „Und schon verachte ich dich. Stell dir nur vor, wie viel größer meine Abscheu sein wird, wenn ich dich erst kennengelernt habe.“ Panoptos hätte vielleicht eine Antwort darauf gehabt, doch in diesem Moment hatte Staub entschieden, dass der Neuankömmling doch keine Gefahr darstellte. Er schoss vom Himmel herab, um es sich auf Tods Schulter bequem zu machen, plusterte sein Gefieder auf und schüttelte den ärgsten Staub ab. Jedes von Panoptos’ Augen blinzelte. „Wo kommt denn der Vogel her?“, kreischte er. „Sein Name ist Staub“, erwiderte der Reiter. „Das habe ich nicht gefragt!“ „Und doch ist es die Antwort, die du bekommen hast. Das Universum wird ewig rätselhaft bleiben.“ „Hmpf.“ Panoptos schoss nach oben, nur, um so auf Tod herabblicken zu können. „Weiß der Vater der Krähen, dass du mit einer seiner Kreaturen geflohen bist?“, fragte er verdrießlich. Der Laufbursche des Rats mag also keine Überraschungen. Es könnte nützlich sein, das zu wissen. „Was willst du, Panoptos?“, wiederholte er seine Frage. „Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen.“ „Das hast du in der Tat. Ich bin im Auftrag des Rats hier.“ Tod sah ihn nur an. „Aha. … Dann hör gut zu. Ein Trupp der besten Soldaten der Weißen Stadt wurde kürzlich von einem unbekannten Feind in einen Hinterhalt gelockt. Der Feurige Rat will, dass du in Erfahrung bringst, wer es war und warum, und dass du dafür sorgst, dass – “ „Nein.“ Vier oder fünf von Panoptos’ Augen drohten, ihm aus dem Kopf zu fallen. „Was meinst du mit nein?“ „Mir war nicht bewusst, dass dieses Wort mehrere Bedeutungen hat“, erwiderte Tod. „Als du nach einem halben Jahrtausend zurückkehrtest“, grollte Panoptos, „sagtest du dem Rat, dass du endlich bereit seist, deine Aufgaben zu übernehmen!“ „Und das bin ich auch, wenn es nötig ist. Aber für so etwas braucht man mich nicht. Angegriffene Engel? Das ist wohl kaum eine Angelegenheit des Rats, es sei denn, es handelt sich um eine Verletzung der Verträge mit der Hölle. Beauftrage einen der anderen damit. Krieg oder Zorn sind immer begierig darauf, sich – “ „Der Rat schickte mich zu dir“, unterbrach ihn Panoptos. Seine Stimme war so kalt geworden, dass sich an den Rändern seiner Worte förmlich Frost bildete. „Ich bin damit beschäftigt, mir ein Heim zu schaffen.“ Tod wollte sich wieder seiner Arbeit zuwenden. „Es liegt in deinem Interesse, dich darum zu kümmern, Tod.“ „Und seltsamerweise tue ich es dennoch nicht.“ „Oh. Habe ich nicht erwähnt, dass dies an den Grenzen Edens stattfand?“ Tod wirbelte schnell genug herum, um Staub von seiner Schulter zu schleudern. Die Krähe krächzte beleidigt und flatterte auf, um sich auf der halbfertigen Struktur niederzulassen. Selbst ohne Lippen erweckte Panoptos den Eindruck zu grinsen. „Oh, ich schätze, das hätte ich gleich zu Anfang sagen sollen …“ Die Faust des Reiters umklammerte Ernters Heft – aber er erinnerte sich nicht einmal daran, dass er die Waffe zu sich gerufen hatte. Wäre Panoptos näher herangekommen, hätte sie ihm möglicherweise die Kehle aufgeschlitzt. „Was hatten die Engel dort zu suchen? Hat jemand versucht, in den Garten einzudringen? Ist ein Eindringling hineingekommen?“ „Das weiß ich nicht.“ Im Bewusstsein, vielleicht eine Spur zu weit gegangen zu sein, klang Panoptos’ Stimme nun schriller, und sein Tonfall wurde ein wenig sanfter. „Ehrlich, ich weiß es nicht. Der Rat hört gerade in dieser Minute die ersten Berichte des Vorfalls.“ „Gibt es sonst noch etwas, was du vergessen hast zu erwähnen?“, fuhr Tod ihn an. „Nur, dass der Rat deinen Bericht in der Sekunde wünscht, in der du auch nur ahnst, was passiert sein könnte. Sie müssen wissen, ob es nur eines von vielen Scharmützeln am Rande des Vertrages war oder ob etwas Größeres dahintersteckt.“ Ohne ein weiteres Wort schritt Tod in die Aschenwüste und überließ es den Ghulen, die Arbeit an seinem Heim zu beenden. Ein Pfiff durchdrang die Luft, schrill und beinahe schmerzhaft, einer, der sowohl auf der physischen als auch der geistigen Ebene ausgestoßen wurde. Und etwas, das gleichzeitig Geist und Körper war, antwortete dem Ruf.

Wenn der Geruch von Verwesung und das bedrückende Gewicht der Hoffnungslosigkeit körperliche Gestalt hätten annehmen können, dann hätten sie sicher die gleiche grünliche Farbe der Fäulnis gewählt wie der Nebel, der jetzt ein Dutzend Schritte entfernt aus dem Nichts entstand. Ein schneller werdendes Stakkato von Schlägen entpuppte sich als Hufschlag. Abgesehen von der schmutzigen Mähne und dem Schweif war das Pferd, das schließlich erschien, haarlos. Seine Haut war ähnlich aschfahl wie die von Tod. Sie hing in Fetzen von ihm herab und legte Knochen und verfaulende Muskeln offen. Von diesen Wunden, von Rissen in den Hufen, von Nüstern und zwischen den abgebrochenen Zähnen hervor drang der gleiche Nebel und wurde zu Wolken, die sich nicht auflösten. Der Sattel bestand aus schwarzem, zerschlissenem Leder. Eine rostige Kette bildete die Zügel. Tod schwang sich mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung in den Sattel. Ernter behinderte ihn trotz seiner Länge nicht. Er hatte sich kaum aufgerichtet, als Staub auch schon auf seiner Schulter Platz nahm. Tod nickte der Krähe zu, dann auch seinem Reittier. Es fiel sofort in einen Galopp, der auf der weichen und sich ständig bewegenden Oberfläche eigentlich hätte unmöglich sein sollen. Das erste Mal seit fünfhundert Jahren ritt der Älteste der Reiter hinaus in die Schöpfung, um einen Befehl des Feurigen Rats auszuführen.

Vor ihnen teilten sich die Wände der Realität, so zart wie ein Spinngewebe und genauso schnell zur Seite geschoben. Die öde Welt, auf der Tod sein Heim erbaut hatte, verschwand hinter ihm, weniger greifbar als ein vergessener Traum. Dann waren sie woanders. Oder, um genauer zu sein, im Nichts. Über ihnen und um sie herum wirbelten weiße Strudel. Kein weißer Nebel, oder weiße Wolken, nur Weiß. Der Begriff „Nichts“ war unzutreffend. Die scheinbare Leere wurde lediglich von Dingen gefüllt, die sich genauerer Definition entzogen. Die einzige Substanz, die wirklich war, schlängelte sich unter ihnen; eine sich windende Spur von Realität, auf der die Hufe des Pferds geräuschlos dahintrotteten. Der Pfad wurde nur vom Willen des Reiters fest und solide gehalten und war buchstäblich ein Pfad zwischen den Welten. Die Strudel von Weiß um sie herum dämpften jedes Geräusch und vermittelten nur ein sehr schwaches Gefühl von Bewegung – doch hier hatte Entfernung ohnehin keine Bedeutung. Die Reise von einer Realität in die nächste würde so lange dauern, wie es eben sein musste, und nicht einmal Tod wusste wirklich, warum das so war.

Der ereignislose Übergang gab ihm die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was passiert war. Es war nicht unbedingt von Vorteil. Eden. Er wäre froh gewesen, wenn er bis zum Ende aller Zeiten nichts mehr von Eden gehört hätte. Ein Gartenreich voller Wunder und Schönheit, Frieden und Überfluss. Vor Ewigkeiten zugunsten eines Volkes aus der Welt entfernt, das noch gar nicht geboren war. Auf ausdrücklichen Befehl des Schöpfers selbst – in einem frühen Zeitalter, als Er sich noch dazu herabließ, mit Seinen Geschöpfen zu sprechen – war Eden das, was in jeder Realität einem wahren Paradies wahrscheinlich am nächsten gekommen wäre. Vielleicht hätte es für niemanden eine Überraschung sein sollen, dass die Nephilim – für immer zwischen den Dämonen und den Engeln gefangen und doch keinem von beiden zugehörig, ein verlorenes und bösartiges Volk – dieses Reich hatten erobern wollen. Es war die letzte Welt, in die sie je eingedrungen waren, das Ende ihres Wütens, das die gesamte Realität umfasste. Viele ihrer Leichen verrotteten noch unter der Oberfläche und tränkten den Boden mit allen Spielarten alter Macht. Es war eine Vergangenheit, die Tod gerne begraben und vergessen hätte. Doch offenbar war jemand anderer Ansicht. Das Pferd warf unvermittelt seinen verfaulenden Kopf in die Höhe und stieß einen Laut aus, der wie irgendetwas zwischen Wimmern und Stöhnen klang. „Ja, Verzweiflung.“ Tod ruckte kurz an den Zügeln. „Ich passe auf, und ich weiß auch genau, wo sie sind. Ich werde nicht zulassen, dass wir uns verirren.“ Die Kreatur – Verzweiflung – wieherte skeptisch. „Wenn wir nicht bald da sind“, schlug der Reiter vor, „verspreche ich, dass du die Führung übernehmen darfst.“ Ein letztes geisterhaftes Schnauben war zu hören, dann herrschte wieder Stille. Doch nur kurz. Schon einen Augenblick später begann sich die wirbelnde Blässe um sie herum aufzulösen und wurde dünner, sodass sich die ersten Spuren einer echten Realität zu enthüllen begannen. Verzweiflungs Hufe verursachten wieder gedämpfte Laute auf dem Boden. Verschwommene Formen fügten sich langsam zu hohen Bäumen und dichtem Unterholz zusammen. Der Wald stand umgeben von sanft wogendem Grasland, das am Horizont in einen Himmel überging, der so azurblau war, dass es beinahe in den Augen schmerzte.
Die sanfte Brise war kaum spürbar, zumindest wenn man es mit der Welt verglich, aus der er kam. Heller, zwitschernder Vogelgesang erfüllte die Luft. Nur für ein, zwei Herzschläge lang, natürlich. Denn alles Leben verstummte bei der Ankunft des Reiters und seines halbtoten Rosses fast schlagartig – wahrscheinlich damit beschäftigt, sich selbst in die kleinsten Schlupflöcher zu verkriechen. Es war eine herrliche Landschaft, aber ganz sicher nicht Eden. 30 Das hatte Tod auch nicht erwartet. Der Garten war den Grenzen der Schöpfung entzogen, die man als den Baum des Lebens bezeichnete. Nicht einmal die Reiter konnten einfach so hinein. Nein, wie jeder andere Reisende musste Tod dem Weg durch uralte Wälder auf herrenlosen Welten folgen, die nahe am Herzen der Realität lagen, bis er den einzigen Pfad erreichte, der noch einen Zugang in dieses höchst kostbare Reich ermöglichte. Als er den Garten endlich betrat, waren die ersten Zeichen der Zerstörung leicht zu erkennen.

Die Bäume ganzer Haine waren gefallen, geschlagen von machtvoller Magie und brutalen Waffen. Gespaltenes Holz, verstreutes Laub und verbrannter Boden erstreckten sich so weit, wie Tod blicken konnte. Er konnte das Blut riechen, das immer noch feucht in die Erde sickerte, aber das brauchte er nicht. Er fühlte den Tod auch so, der sich in die Landschaft geprägt hatte, und spürte die frisch befreiten Seelen, die sich in der Luft langsam auflösten. „Staub!“ Die Krähe krächzte eine Antwort und breitete die Flügel aus, kreiste höher und höher, um Ausschau nach dem zu halten, was passiert war – oder nach einer unmittelbaren Gefahr. Tod sprang von seinem Reittier und ließ Ernter an den Sattel geschnallt zurück. Er wusste, dass die Waffe seinem Ruf gehorchen würde, sollte dies nötig werden. Er ging in die Hocke und untersuchte den Boden, aber alles, was er aus den Spuren herauslesen konnte, war, das ein furchtbarer Kampf stattgefunden hatte. Und das wusste ich schon. Er grub seine Finger in den fetten Lehm, dann hob er ihn an seine Maske. Das Blut war das von Engeln, wie er es erwartet hatte. Was er allerdings nicht erwartet hatte, war, dass es nur Engelsblut war. Wer auch immer ihre Gegner gewesen waren, sie hatten entweder kein Blut vergossen – oder die Soldaten der Weißen Stadt hatten keinen einzigen verwunden können. Die erste Möglichkeit war weit weniger beunruhigend als die zweite. Zu viele Spuren, zu viel Tod und Blut auf zu wenig Fläche – der Reiter hatte keine Hoffnung, dass er eine Spur bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen könnte. Doch wenn so viele hier abgeschlachtet worden waren, wo waren dann die Leichen? Warum war nur vergossenes Blut zurückgeblieben?

Tod richtete sich auf und studierte den geschundenen Wald aufmerksam. Kein Anzeichen eines anderen Beobachters, sei er nun feindlich oder verbündet, war zu erkennen. Trotzdem war da … etwas. Normalerwiese vermochte sich nichts Lebendige vor ihm zu verstecken, trotzdem hätte es Tod in diesem Fall nicht überrascht, wenn irgendwo etwas verborgen gewesen wäre. Er konnte niemanden sehen oder hören oder spüren, dennoch fühlte er sich nicht allein. Staubs schriller Schrei unterbrach Tods Gedanken. Die Krähe kreiste über einem ganz bestimmten Waldstück, ein paar hundert Schritte entfernt. „Ja, ich sehe dich.“ Tod gab sich keine Mühe, laut zu sprechen, wusste er doch, dass Staub ihn auf jeden Fall hörte. Er öffnete seine Hand und rief nach Ernter, der sich bequem in seine Hand legte, und wandte sich an sein Ross. „Dort sieht es unwegsam aus“, sagte er mit einem Nicken in Richtung der von dichtem Unterholz umgebenen Bäume. „Folge mir, wenn du kannst. Wenn nicht, werde ich dich rufen, sobald ich dich brauche.“ Verzweiflung wieherte zur Antwort. Es klang desinteressiert und kühl. Mit unglaublicher Eleganz glitt der Reiter über, unter und zwischen den Hindernissen auf seinem Weg dahin und ließ den verwüsteten, brandigen Boden und die zerschmetterten Baumstämme hinter sich. Die in den Weg ragenden Äste hätten auch aus den Angeln gehobene Türen sein können, das Dickicht ein dicker Teppich. Doch in den seltenen Fällen, in denen der Weg sogar für ihn zu verwuchert war, bahnte Ernter ohne erkennbare Mühe einen Pfad. Er spürte Staubs Entdeckung lange, bevor er sie sehen konnte. Der stärker werdende Geruch von Blut und Verwesung im frühen Stadium, der beinahe körperlich spürbare Gestank von Seelen, die kürzlich hinübergegangen waren, all das diente als Spur dessen, was vor ihm lag. Der Engel war in ein Gebüsch von Dornen und totem Laub gefallen, das so brüchig war wie altes Pergament. Ein schmaler Spalt im Baldachin der Zweige darüber erlaubte einem einzigen Sonnenstrahl, so vorsichtig die Leiche zu berühren, als befürchte er, dass etwas aus dem Laub hervorschießen und ihn beißen könnte. Ohne seinen ganz persönlichen Hang zu den Gerüchen und Gefühlen, die der Tod an sich vermittelte – und ohne Staub, der den Engel von oben entdeckt hatte –, hätte der Reiter die Überreste wohl nie entdeckt. Und das war kein Wunder, denn wer auch immer die anderen Leichen beseitigt hatte, hatte ihn ja offenkundig auch übersehen. Tod schob sich durch die Disteln und die Dornen, ohne innezuhalten oder genauer hinzuschauen. Er zog sich oberflächliche Wunden zu, die aber nicht bluteten. Falls er den winzigen Schmerz überhaupt spürte, merkte man es weder seinem Gang noch seinen glühenden Augen an. Seltsam große und eckige Schnittwunden bildeten auf dem zerschmetterten Körper des Engels abstrakte Muster. Blutige Federn, seinen zerfetzten Flügeln entrissen, lagen zerknickt in einem verstörend perfekten Kreis um ihn herum. Die komplizierte Engelsschrift auf seinem Brustharnisch war bis zur Unkenntlichkeit beschädigt und die Klinge seiner Glefe – einer Lanze – war mit tiefen Scharten übersät. Offenbar hatte sie auf etwas eingeschlagen, immer wieder, doch kein Blut befleckte das geschliffene Metall. Ernter war schnell in die Erde gerammt und erhob sich nun wie ein versteinertes Banner. Tod eilte zu dem Gefallenen und kniete neben ihm nieder. Er streckte seine linke Hand mit der Handfläche nach unten über dem Herzen der Leiche aus; die Rechte reckte er mit krallenartig gekrümmten Fingern zum Himmel hinauf. Seine Maske zitterte, als er Silben intonierte, die kein menschlicher Mund hätte aussprechen können. Ein Fragment, ein winziger Fleck Silber, trennte sich von der fortgegangenen Seele des Engels und glitt, gezwungen von der nekromantischen Magie des Reiters, durch die Welten zurück. Und obwohl sein Blut nicht mehr floss und auch die Lungen nicht mehr atmeten, flatterten die Augenlider des Engels, als er wieder zum Leben erwachte.

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