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Deracine – Test / Review

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Veröffentlicht 22. Dezember 2018 | 21:45 Uhr von Alexander Winkel

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Von Abenteuern, in denen der Tod ein ständiger Begleiter ist, zur Feengeschichte: Wenn From Software plötzlich in Melancholie schwelgt und nach den knüppelharten Dark Souls und Bloodborne Spielen einen Zwischenstopp in einer entspannenden Virtuellen Realität sucht, kommt dabei ein atmosphärisches, wenn auch wieder storytechnisch kryptisches Märchen bei raus. Mit Déraciné wandelt der japanische Entwickler auf ungewohnten Adventure-Pfaden – auch wenn das Rad nicht wirklich neu erfunden wird!

In Déraciné übernehmen wir die Rolle eines unsichtbaren Geist (zumindest in der Deutschen Fassungen, während im Englischen noch von einer Feenwelt die Rede ist), der entwurzelt von Raum und Zeit durch die Korridore eines wohl viktorianischen Internats wandelt. Das alte Gemäuer, wundervoll lichtdurchflutet, mit herrlichen und skurrilen Instrumenten vollgestopft und mit zahlreichem Wissen in Form von Büchern umgeben, wurde von den Entwicklern mit viel Liebe zum Detail entworfen und entführt euch in eine traumhafte Welt. Im späteren Verlauf werden diese Mauern auch mal verlassen, die Umgebung teils im Schneegestöber durchwandert und wundersame Orte besucht, doch den größten Teil der etwa sechs Spielstunden verbringt ihr mit den Kindern und Jugendlichen im großen Herrenhaus.

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Warum ihr in einer Art Zwischenwelt umherwandert und wieso ihr den Alltag der Schüler mit allerlei Zauberei beeinflusst, ist dem Protagonisten zunächst ebenso unbekannt wie dem Spieler – doch die Stärke von Déraciné steckt in der doch teils kryptischen Entwicklung der Hintergrundgeschichte. Während für die Schüler und dem Rektor die Zeit quasi still zu stehen scheint, fast gar wirkt alles wie ein monumentales Bildwerk, wandelt ihr umher und könnt in das Leben dieser Personen eintauchen. Gelbe Silhouetten zeigen vergangene Momente, Szenen, die sich vor kurzem ereignet hatten und für den Geist noch wie ein Hauch von Duft im Raum hängen. Nicht nur zeigen sie für den Betrachter mögliche Verläufe, so zum Beispiel findet sich der knuffig Hund dank der Silhouetten unter einer Veranda wieder, auch können sich kleine Kugel verbergen, deren Inhalt Zugriff in die Gedankenwelt und somit Wünsche, Träume und wichtiger Gespräche offenbaren.

Somit erfahren wir mehr über die Schüler, jedes Kind für sich ein Wesen mit herausgearbeiteten Charakterzügen und Vorlieben. Oder aber wir erfahren, wo bestimmte Dinge im Herrenhaus zu finden sind. Während die Silhouetten jedoch nur Gedankenfetzen und zeitlich Vergangenes offenbaren, könnt ihr mit den jeweiligen Personen im hier und jetzt ebenso interagieren, auch wenn diese ebenso wie Statuen die Szenerie umgeben und zunächst Stillschweigen bewahren. Es gibt jedoch kleine Triggerpunkte, Momente, in denen die beiden Welten ineinander verschmelzen und der Geist auf das physische Einfluss nehmen kann. Einen Hut aufheben, aus der eher makaberen Ecke wiederum Dinge lebendig machen (oder anders herum), ein Glöckchen läuten lassen, mit Kreide auf der Tafel malen – all das bringt die Schüler aus der Stare und liefert kurze und dann auch mal lebendige Sequenzen, in denen Spieler wie auch Charaktere teilweise miteinander interagieren.

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Während die herrlich stilisierte Umgebung bereits einiges Dank der Immersion der PlayStation VR hermacht, entführen die zarten Berührungen der Mädchen, das behutsame ertasten der Kinder, die an einen guten Geist glauben, den Spieler komplett in die Märchenwelt. Eine Welt, die als nahezu bewegungsloses Stilleben vor euch existiert und doch so viel Leben ins sich birgt. Eine Welt, in der an gute Geister oder Feen geglaubt wird und in der ihr als solches Geschöpf unsichtbar wandelt und interagiert. Eine Welt, die durch die Träume und Wünsche der Schüler geprägt ist und eine nicht ganz harmlose Geschichte offenbart. Diese wird in Episoden erzählt, welche zugleich einzelne Zeitsprünge in der Realität darstellen. Nicht nur Schabernack, auch tiefgründige Begebenheiten werden aufgedeckt und so mancher Einfluss eurerseits wird starke Auswirkung in der Zukunft haben. Allzu viel verraten wir aber nicht, denn dann verliert Déraciné seinen Reiz.

Die große Kunst ist es, aus den bruchstückhaften Fetzen einen Zusammenhang zu erkennen. Es erfordert Neugierde, auch mal abseits der kleinen Adventure-Rätsel in den Schubladen zu stöbern, Bilder anzufassen und sowohl Texte zu lesen als auch Gedanken zu lauschen. Déraciné ist ein gemütliches Abenteuer, fernab von todbringenden Szenen oder gar Horrorsequenzen – eher ein völlig entspanntes Märchen, in das es einzutauchen gilt. Dennoch steckt auch in Déraciné ein Hauch der Souls Spiele, wo die Story etwas kryptisch dargestellt und vieles der Interpretation des Spielers überlassen wird. Zum Ende hin werden die Zeitsprünge immer heftiger, die kleinen Schnipsel, die manipuliert werden unüberschaubarer und dank möglicher Schleifen in den Episoden alles doch ein wenig verwirrend. Die Auflösung ist den Japanern leider nicht ganz so gut geglückt und dadurch hat sich für uns der Spielspaß zuletzt doch stark getrübt.

Spielerisch kann Déraciné am ehesten in die Schublade der Story-Adventures geschoben werden, wobei From Software gute Arbeit geleistet hat, die virtuelle Realität entsprechend glaubhaft umzusetzen. Ihr taucht wirklich als Geist in eine Welt ein, die an euch glaubt. Alternative Steuerungsmöglichkeiten werden nicht geboten, so sind zwei Move Controller wie auch die sprunghafte Bewegung mittels Triggerpunkte durch das Internat Pflicht. An die eingeschränkte Bewegungsfreiheit hat man sich jedoch sehr schnell gewöhnt und agiert entsprechend flüssig. Darüber hinaus legt der Titel zu keinem Zeitpunkt Wert auf schnelle Reaktionen – ihr genießt einfach ein wundervolles Märchen und versucht, als guter Geist den Kindern Gutes zu bringen! Genießen könnt ihr, auch dank der Detailverliebtheit der Entwickler und einer technisch doch ganz guten Umsetzung, die zudem mit einem atmosphärischen Soundtrack untermalt ist.

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Getestete Version: Playstation 4 / PSVR

Unser Fazit

70 %

In Déraciné erwartet uns erstaunlicherweise nicht an jeder Ecke der Tod, auch wenn die Story an sich einige makabere Züge aufzuweisen hat. Es ist kein knallhartes Actionspektakel, sondern ein feinfühliges Märchen. Dank der Virtual Reality taucht ihr tatsächlich inmitten des Geschehens ein und fühlt euch wie der Geist, welcher durch das alte Internat wandelt und allerlei Zaubertricks ausführt. Insgesamt hätte Déraciné jedoch etwas lebendiger gestaltet werden können und auch die Verwirrungen zum Schluss sorgen nicht wirklich für ein zufriedenstellendes Erlebnis. Eher wirken die heftigen Zeitsprünge am Ende zermürbend, vor allem wenn man aufgrund fehlender Interaktionen in einer Schleife gefangen ist. Déraciné ist dennoch ein nettes Erlebnis und sicherlich keines der schlechten PSVR Spiele. From Software hätte aber noch mehr aus dem Titel holen können.

Pro

  • + Die Integration des Spielers direkt in das Geschehen und doch als unsichtbarer Geist ist wirklich gelungen
  • + Es gibt vieles zu entdecken und neugierige Naturen werden durchaus einiges an Hintergründe aufdecken
  • + Stimmungsvolle Inszenierung und detailverliebten Ausarbeitung der Szenen mit vielen Dingen, die man betrachten kann
  • + Sehr gute Texte und Sprachausgabe ergeben ein gelungenes Bild und hauchen den Charakteren Leben ein
  • + Ordentliche Spielzeit von etwa sechs Stunden, mit einigen netten Aufgaben und Rätseln

Kontra

  • - Dem Stillleben der Szenen geschuldet fehlt dem Internat das Leben. Bewegende Szenen sind nur Triggerpunkte des Geistes.
  • - Die Story ist stark zerpflückt, dank vieler Zeitsprünge und einiger Wenden, die sich aufgrund der Spieleraktionen ergeben.
  • - Gegen Ende wird die Geschichte regelrecht verwirrend und eine mögliche Dauerschleife in den Episoden ist letztendlich zermürbend.

Unsere Bewertung

Grafik
 
85 %
Sound
 
80 %
Steuerung
 
80 %
Gameplay
 
70 %
Multiplayer
 
00 %
Spielspaß
 
70 %

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Aufgewachsen mit der ersten Nintendo-Konsole, fühlt sich Alexander Winkel eigentlich auf allen Plattformen heimisch. Trotz seiner offensichtlichen Hingabe zur Xbox – die vielen Gamerscore Punkte erspielen sich nicht von selbst – lässt er seine Schreibwut an allen Videospielen aus, unabhängig vom System.

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