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Kingdom Come: Deliverance – Test / Review

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Veröffentlicht 14. März 2018 | 18:19 Uhr von Alexander Winkel

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Rauherzig, brutal und mühselig, so sah das Leben in böhmischen Gefilden um 1403 aus, zeigte sich aber auch mit schönen Facetten. Ebenso ergeht es jedem Spieler, der sich in das Abenteuer Kingdom Come: Deliverance stürzt. Der tschechische Entwickler Warhorse Studios erschuf ein raubeiniges Mittelalter mit Ecken und Kanten im Gameplay und macht es einem nicht leicht, in die von Kriegen gebeutelte Zeit einzutauchen. Doch so garstig sich der Einstieg gibt, Kingdom Come: Deliverance entfaltet sich gewaltig und bietet dem geduldigen Spieler reichlich Inhalt mit viel Liebe zum Detail. 

Ihr übernehmt die Rolle des Dorfschmieds, welcher in spitzbübischer Freude mit Kumpanen einen Humpen hebt und bereits seine erste Maid umgarnt, auf die er nicht nur ein Auge geworfen hat. Das Idyll, die ersten Stunden in Kingdom Come: Deliverance, bietet eine herrliche Welt, geprägt durch alltägliche Prügeleien, unzüchtigem Geschwätz und doch so manch harter Aufgabe, wenn in der Schmiede zum Beispiel ein kunstvolles Schwert für den Adel geschmiedet werden soll. Auch wenn der Einstieg sich erstaunliche lange, jedoch keineswegs langweilig dahinzieht, überschatten alsbald die politischen Spannungen das Dorf und verwandeln das Leben von Heinrich mit einem unerwarteten Angriff der Kumanen zum absoluten Albtraum. Nur mit schierem Glück und unerwarteter Hilfe ist der junge Schmied noch am Leben und kann fortan als Knappe und viel mehr sein tägliches Brot verdienen.

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Bereits die ersten Spielstunden von Kingdom Come: Deliverance sind eine wahre Freude. Die Ereignisse rund um Heinrich wurden dicht gestrickt, die Storyschreiber umgarnen die Geschehnisse unglaublich geschickt und fassen diese gekonnt in die geschichtlichen Eckpunkte der damaligen Zeit ein. Davon zeugen auch zahlreiche Hinweise und Vermerke, die sich in einem riesigen Lexikon nachlesen lassen und somit den geschichtlichen Aspekt als interaktiven Unterricht untermauern. Wesentlich trägt jedoch auch die kunstvolle Inszenierung dazu bei, dass sich der Titel wie ein zu Spiel gewordener Kinofilm anfühlt. Die Schlacht wird atemberaubend eingefangen und die Dialoge sind samt der deutschen Sprachausgabe nahezu meisterhaft umgesetzt, abgesehen von der holprigen Lippensynchronität. Wenn der Burgherr bei strömendem Regen von den Zinnen brüllt und mit seiner emotionsgeladenen Ansprache ein aufziehendes Gemetzel verhindert, fühlt man sich inmitten der Ereignisse versetzt, die prägen.

Trotz allem ist Kingdom Come: Deliverance nichts für Spieler, die schnell das Handtuch werfen. Der tschechische Entwickler hat ganze Arbeit geleistet, das beinharte Lebensgefühl aus dem Mittelalter in das neumodische Wohnzimmer zu transferieren. Heinrich muss seinen Bedürfnissen nachgehen und schlafen, essen als auch ab und an mal sein Gesicht waschen. Bei den Frauen mag das sicherlich helfen, um die eine oder andere hitzige Nacht im Stall zu verbringen. Dank des böhmischen Wetters, sehr wechsellaunig und mit reichlich düsteren Regenperioden durchzogen, werden Wams und Rüstung jedoch sofort wieder mit Schlamm bespritzt. Die einfachen Bewohner bemerken es aber auch sehr schnell, wenn eine wilde Keilerei mit Banditen oder gar Soldaten danebenging und entsprechende Blutergüsse das zierliche, vom Flaum durchsetzte Gesicht des Protagonisten prägen. Entsprechend verwunderte oder verschreckte Augen und verstohlene Sprüche werden vernommen.

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Mitleid erhaschen mag ja hier und da funktionieren, jedoch muss man sich die bittere Wahrheit eingestehen: Kingdom Come: Deliverance vermag den Deckmantel des Rollenspiels mit Charakterentwicklung, Inventar und Rüstsystem aufrechthalten, insgeheim ist es jedoch ein knallharter Überlebenskampf in einer zur damaligen Zeit halt doch sehr unwirtlichen Gegend. Nur wer hart arbeitet, wird auch wirklich etwas ernten. Nur durch Studium von Büchern, Anwenden von Techniken und viel Übung im Kampf erlernt Heinrich neue Fähigkeiten, die gerne auch mal positive wie auch negative Effekte haben. So sorgt viel Tratschen für eine gute Zunge bei Verhandlungen und Geschick, während das ständige Reiten ebenso seine Früchte einbringt. Alles, was Heinrich tagtäglich tut, wird in irgend einer Form früher oder später honoriert.

Der Krieg sorgt zudem für Spannungen und Banditen wie auch Wegelagerer machen jedem Bürger das Leben schwer. Der Kampf ist kaum zu meiden und alsbald lernt Heinrich auch den Umgang mit Schwert und Bogen. Beides Disziplinen, die nicht mit einfachen Hammerschlägen gegen die Tasten des Gamepads getätigt werden können. Ihr müsst leichtfüßig um die Gegner tänzeln, dessen Aktionen im Auge behalten und gezielt mit Angriffen in die Offensive übergehen. Dabei könnt ihr genau bestimmen, wohin die Treffer zielen, wobei damit auch die eine oder andere Deckung flöten gehen kann. Wenn man es gar ganz genau nimmt, hat sogar jede Waffe und Rüstung entsprechende Auswirkungen und ihr solltet die richtige Wahl für die jeweilige Auseinandersetzung treffen. Der Schlagabtausch ist keine leichte Sache und wird bereits die meisten Gelegenheitsspieler wieder verprellen. Ihr müsst euch in das System vom Kingdom Come: Deliverance fuchsen, die Feinheiten nach und nach kennenlernen und damit die Chancen auf das Überleben vom Heinrich steigern.

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Immerhin gehört dieses mittelalterliche Abenteuer nicht zu den wilden RPGs, bei denen unzählige Horden von Kreaturen, derartige Ausgeburten der Hölle, sich auf einen einzigen Helden stürzen. In den vielen Stunden, die Heinrich nach seiner Errettung in der doch recht angenehm großen Welt verbringt, gehören Kämpfe und Keilereien zumindest anfänglich noch zu den selteneren Alltagsbeschäftigungen. Vielmehr ist man damit beschäftigt, Morde aufzuklären, ganze Dörfer vor Krankheiten zu retten und satanischen Machenschaften zu durchkreuzen. Im Dialog mit den Leuten, feinfühligen Verhören und intelligent gestalteten Gesprächen blüht der Titel auf. Die Aufgaben sind einfallsreich und niemals wirklich stupide, werden gekonnt in das Lebensumfeld eingeworben und verbergen oft wirklich gelungene Geschichten, die mitunter auch mit der gesamten politischen Situation zu tun haben. Vor allem abseits der Haupthandlung gibt es so viel zu sehen, auch viel Schönes zu erleben, dass man sich viele Stunden regelrecht in dieser Welt verlieren kann.

Kingdom Come: Deliverance ist daher kein stupides Rollenspiel, sondern ein wenn auch hartes mittelalterliches Abenteuer mit einer gewissen Raffinesse und somit für all diejenigen, die auch mal Rückschläge akzeptieren. Es hat seinen Charme und daher auch einen gewissen Reiz. Der Tod lauert jedoch an allen Ecken und Enden und so hart das Leben im 15. Jahrhundert war, so unnachgiebig ist leider auch das Speichersystem. Automatisch legt das Spiel nach Erhalt wichtiger Aufgaben einen Speicherstand an, gelegentlich auch mal bei wichtigen Ereignissen innerhalb der Hauptquest. Ihr könnt zudem, sofern Heinrich noch in der Lage ist, eine Runde pennen gehen oder zumindest einen selten und teuer zu erwerbenden Trank nehmen. Letztendlich sind die Möglichkeiten jedoch begrenzt und es passiert gerne, dass reichlich Spielfortschritt durch Unachtsamkeit verloren geht. Der Entwickler wollte damit wohl die Brutalität des Mittelalters aufleben lassen, bei der ein einziger Fehler schnell das Aus für den Ritter bedeuten konnte. Jedoch ist der gelegentliche Verlust eines Fortschrittes mehr als ärgerlich.

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In eine ähnliche Kerbe schlägt auch das Handwerk der Diebeskunst. Mit Dietrichen in der Tasche kann Heinrich sich an Truhen und Türen heranwagen und so an begehrtes Diebesgut gelangen, ohne auch nur einen Heller für bezahlt zu haben. Die Praxis ist jedoch ein Unterfangen geprägt mit Flüchen und vielleicht auch dem einen oder anderen Controller, der gegen die Wand gepfeffert wurde. Selten war das Knacken von Schlössern so frustrierend wie in Kingdom Come: Deliverance. Auch anderweitig ist der Job eines Langfingers keine leichte Aufgabe und sorgt gerne mal für einen Besuch im Kerker. So hat der Titel hier und da Ecken und Kanten, Eigenheiten, die uns das Leben schwer machen. Man kann nicht einmal behaupten, es fehle der letzte Feinschliff, es sind zum Teil einfach auch gewichtige Designentscheidung der Warhorse Studios, die nicht bei jedem Spieler auf Begeisterung stoßen.

Die Technik steht dagegen auf einem ganz anderem Blatt, wobei sich seit Release dank einiger Patches doch einiges getan hat. Nur noch selten sorgen gravierende grafische Schnitzer für einen Bruch in der ansonsten herrlich detailverliebten böhmischen Umgebung. Diese ist geprägt von mit Flüssen und Bächen durchzogenen Wäldern und Feldern sowie zahlreichen kleineren Dörfern, aber auch größere Ansiedlungen mit Kloster und Burgen. Durchstreift man die königlichen Bewaldungen, fühlt man sich hineinversetzt, wie es kaum ein anderes Spiel je zustande gebracht hat. Die Dimensionen und die Immersion der Welt sind unglaublich authentisch und so fühlt sich der Ritt zwischen den Ansiedlungen auch zeitlich nicht falsch an. Deutlich ist der Aufbau der Details zwar erkennbar, vor allem im schnellen Galopp zu Pferd und in der Stadt, dennoch verfehlen die vielen Panoramen nicht ihre Wirkung. Wenn Heinrich hoch oben über das Tal und in die in der Ferne liegende Stadt blickt, breitet sich ein gar episches Gefühl aus und verzückt des Spielers Auge. Auf die Ohren gibt es dazu wundervolle Naturelemente und ein altertümlicher Soundtrack, der sich seicht und gekonnt in den Hintergrund schmiegt und dennoch die Gehörgänge passend umschmeichelt.

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Neben den herrlichen und liebevollen Details in Flora und Fauna sorgt der Alltag der Menschen für ein authentisches Abenteuer. Morgens verrichten die Leute träge ihr Geschäft und nehmen dann die Arbeiten auf. Gegen spätem Nachmittag versammeln sich die Arbeiter dann in der Schenke zum Würfelspiel oder um ein gekühltes Bier zu genießen. Auch Heinrich wird den Hunger und Durst stillen, aber vielleicht auch die Lust auf das andere Geschlecht. Vieles ist möglich, und Kingdome Come: Deliverance gelingt es – sofern ihr euch ausgiebig mit dem Titel beschäftigt und über manche Eigenheiten und Unebenheiten vor allem zu Beginn hinweg kommt – euch tief in das Abenteuer hinein zu ziehen und alsbald vergehen die Spielstunden geradezu wie im Flug.

Mancher Blick auf die Uhr macht ob der plötzlich späten Stunde sprachlos, wenn der Abend mal wieder länger gedauert hat. Denn nicht selten wird die eine oder andere Aufgabe angefangen und letzten Endes eilt Heinrich ganz anderen Dingen nach. Weniger sprachlos bzw. mundfaul geben sich die Bewohner im Spiel, die immer was zu tratschen haben – auch wenn sich einiges recht schnell wiederholen wird. Während die allgegenwärtige deutsche Sprachausgabe insgesamt sehr gelungen ist, wäre eine altertümlichere Aussprache dieser sicherlich nicht verkehrt gewesen. Völlig daneben dagegen oft die Lippensynchronität und gerne auch bei der Hauptstory bzw. in den Videosequenzen die Soundabmischung der Dialoge, die teilweise so leise wird, dass ohne Untertitel die Unterhaltung völlig verloren gehen würde. Noch wird der Entwickler Warhorse Studios aber an Verbesserungen arbeiten, sodass das gesamte Spielerlebnis nach und nach nur besser werden kann.

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Getestete Version: Xbox One

 

Unser Fazit

82 %

Akribisch und mit viel Liebe zum Detail setzten die Warhorse Studios das böhmische Mittelalter sehr authentisch um. Diese Detailverliebtheit macht aber auch vor manchem spielerischen Handgriff nicht halt und sorgt dafür, dass der Einstieg in Kingdom Come: Deliverance dank fiesem Speichersystem, knackigen Schlössern und weiteren Peinigern kein leichter ist. Knüppelhart entreißt uns zudem der Überfall der Kumanen dem anfänglichem Idyll und schnell ist klar, dass der Marsch des Protagonisten ein steiniger, dreckiger, von Regenfällen durchzogener Gewaltakt wird. Hat man sich durch den stundenlangen Prolog gekämpft, entfaltet sich dieses Abenteuer jedoch in all seiner Pracht. Herrliche Landstriche, authentischer Lebensalltag und bis ins Detail gelungene Dialoge begeistern und liefern Aufgaben, die keinesfalls an den Haaren herbeigezogen wirken. Kingdom Come: Deliverance wirkt letzten Endes weniger wie ein Rollenspiel trotz raffinierter Charkterentwicklung, vielmehr gleicht es einem simulierten Alltag eines Schmieds, der fortan die Reise zum Ritter antritt und dabei allen Gefahren und Unwegsamkeiten trotzen muss. Dies trifft letzten Endes jedoch nicht jedermanns Geschmack und wird die Gemeinde durchaus spalten. Die einen hassen den Titel, andere, wie ich, gehen in der herrlichen, epischen Welt auf.

Pro

  • + Sehr gut inszeniertes Abenteuer mit authentischem politischen Hintergrund
  • + Wundervolle, lebendige und authentisch Welt, kaum einer hat das Mittelalter besser eingefangen
  • + Zahlreiche liebevolle Details, angefangen vom historischen Lexikon bis hin zum Lebensalltag der Bewohner
  • + Keine stupiden Aufgaben, sondern wunderbar in den Gesamtkontext integrierte Missionen
  • + Tolle Dialoge, ebenso gut in deutscher Sprachausgabe vertont
  • + Kein hitziges Rollenspiel mit pausenlosen Massenkämpfen, sondern eine Welt für Entdecker und Forscher
  • + Tiefgründiges, aber auch schwieriges Kampfsystem sowohl mit Schwert als auch Bogen
  • + Zahlreiche Nebenbeschäftigung wie Kräuter sammeln, würfeln, Tränke brauen und vieles mehr

Kontra

  • - Harter, beschwerlicher Einstieg verprellt durchaus den einen oder anderen Gelegenheitsspieler
  • - Völlig unnötig frustrierendes Speichersystem, an das man sich erst gewöhnen muss
  • - Schlösser zu knacken ist eine Kunst nur für frustresistente Meister
  • - Fehlende Lippensynchronität und teilweise schlechte Soundabmischung der Dialoge in der Lautstärke
  • - Behäbiges Kampfsystem, welches nicht leicht zu meistern ist
  • - Deutlich erkennbarer Grafikaufbau vor allem zu Pferd
  • - Kleinere Spielfehler und technische Macken trüben das Spielerlebnis

Unsere Bewertung

Grafik
 
80 %
Sound
 
85 %
Steuerung
 
80 %
Gameplay
 
85 %
Multiplayer
 
00 %
Spielspaß
 
80 %

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Aufgewachsen mit der ersten Nintendo-Konsole, fühlt sich Alexander Winkel eigentlich auf allen Plattformen heimisch. Trotz seiner offensichtlichen Hingabe zur Xbox – die vielen Gamerscore Punkte erspielen sich nicht von selbst – lässt er seine Schreibwut an allen Videospielen aus, unabhängig vom System.

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