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Milanoir – Test / Review

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Veröffentlicht 4. Juni 2018 | 21:59 Uhr von Luca

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Milanoir ist ein 2D-Action-Adventure mit Pixelgrafik. Der Entwickler Italo Games entführt uns in das gewaltgeprägte Mailand der 1970er-Jahre. In acht nervenaufreibenden Kapiteln kämpfen wir uns durch verschiedene Bezirke der lombardischen Hauptstadt.

Unsere Geschichte beginnt des Nachts in einer der dreckigen Kneipen der mailänder Peripherie. Wir, natürlich eine große Sonnenbrille im Gesicht und in Röhrenjeans und Lederjacke gehüllt, sind Piero Sacchi, gebürtiger “Milanese”. Wir haben noch nie viel Wert auf saubere Geschäfte gelegt und sind dadurch zu einem von Lanzettas Männern geworden. Auch heute Nacht will unser sizilianischer Boss, dass wir ihm unter die Arme greifen. Es geht um gewisse Streitigkeiten. Und wir werden geschickt, um diese zu… schlichten. Also schwingen wir uns auf unsere Vespa. Der Viale Monza ist unser Ziel, genauer gesagt das versteckte Bordell “Calibro 9″, was natürlich eine Anspielung auf einen der berühmten Krimi-Streifen ist, welche als Inspiration für Milanoir gedient haben.

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Wir stellen unsere Vespa vor die Hofeinfahrt – auf den ersten Blick ist diese Seitenstraße nichts Besonderes, dreckig, düster und heruntergekommen – und schauen ein letztes Mal auf das Foto der Zielperson.

“Wer schmeißt den Laden hier?”, fragen wir einen Typen. Dieser weist mit dem Kopf an die Häuserfront. “Dort oben.”

Im dritten Stock angekommen, poltern wir gegen die Tür und betreten einen stickigen Raum. Der Boss sitzt hinter einem Pult und mampft sein Reis.

“Wo ist sie?”

Wir knallen ihm das Foto auf den Tisch, doch er will nicht rausrücken.

“Africana? Gerade besetzt.”

Kurzerhand rammen wir ihm seine Essstäbchen in die Hand, worauf er es sich plötzlich doch anders überlegt.

“Erster Stock, die rote Tür”, stöhnt er.

Und hier beginnt das eigentliche Spiel. Auf dem Gang stehen zwei Wachposten. Wir bleiben in Deckung, bis der eine sich entfernt. Dann springen wir raus und zwei Würgegriffe später stellen beide kein Problem mehr dar. Was die Zielperson angeht, nun, die Situation eskaliert, das Geballer geht los. Willkommen in Milanoir.

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Grundsätzlich sind in Milanoir die Kapitel gleich aufgebaut – wir begeben uns an einen bestimmten Ort, wo wir ein bestimmtes Ziel neutralisieren müssen. Sofern wir nicht direkt in einen Hinterhalt gelangen, schleichen wir zunächst von Deckung zu Deckung und schalten unsere Gegner nach und nach mit dem Würgegriff aus. Doch der Kern des Spiels ist natürlich das Schießen. Auch im Feuergefecht müssen wir die Deckung nutzen, denn Piero hält nicht viel aus und die Gegner sind viele an der Zahl. Während wir zuerst nur eine Pistole besitzen, können wir zwischendurch einen Revolver mit sechs Patronen aufsammeln, der Gegner in einem Schuss tötet. Später gibt es eine Maschinenpistole. Oder aber wir finden Granaten oder Molotovs. Diese werden von unseren Gegnern äußerst gerne genutzt. Es gibt verschiedene Gegnertypen, etwa den Shotgun-Tank oder der, der mit dem Messer auf uns zustürmt. Oder aber der Granatenwerfer.

Aufgrund der vielen Gegner ist Milanoir selbst auf dem untersten Schwierigkeitsgrad “Normal” (daneben gibt es “Schwer” und den freischaltbaren “Hardcore”-Modus) sehr fordernd. Abhilfe schafft dabei eine zentrale Spielmechanik, nämlich die Querschläger von Verkehrsschildern. Schießen wir auf ein rundes Schild, wird der nächste Gegner tödlich getroffen. Diesen Vorteil müssen wir uns bereits im ersten Bosskampf zunutze machen. Im Verlaufe des Spiels lernen wir zusätzlich die dreieckigen Schilder kennen, welche es uns erlauben, zwei Gegner auf einmal zu töten, sowie die achteckigen “Stop”-Schilder. Unter Dauerfeuer können wir mit ihnen ganze Gebiete leer fegen. Damit wir in Mailands Straßen überleben, müssen wir uns diese Schilder zunutze machen. Diese sind aber vor allem mit Controller sehr schwer zu treffen, da sie nicht auf den Aim-Assist (für den es übrigens mehrere einstellbare Stufen gibt) ansprechen. Frustrierend ist dies vor allem in Trial-and-Error-Kämpfen, von denen es viele gibt. Etwa müssen wir unter Dauerbeschuss bestimmte Gegner in einer bestimmten Zeit und Reihenfolge ausschalten, damit wir rechtzeitig das Stoppschild erreichen und die restlichen Gegner damit ausschalten – und das mehrmals nacheinander, ohne Checkpoint, während eine Straßenbahn droht, uns zu überfahren. Wenn wir in einem Kapitel sterben, werden wir an den letzten Checkpoint zurückversetzt.

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Apropos Checkpoint – diese gibt es zwar innerhalb eines Kapitels, und zwar jedes Mal, wenn wir einen neuen Chunk des Levels betreten, wollen wir jedoch das laufende Kapitel unterbrechen und später fortsetzen, geht das nicht, denn es gibt keine Speicherfunktion. Um das nächste Kapitel freizuschalten, müssen wir also das laufende Kapitel in einem Stück durchspielen, was aufgrund der teilweise extrem schwierigen Bosskämpfe äußerst lange dauern kann (einmal waren wir eine Stunde lang damit beschäftigt zu sterben). Auch die Bosskämpfe sind teilweise auf Trial and Error ausgerichtet, allerdings mit einem gewissen Zufallsfaktor. Wer denkt, er könne die Angriffe des Gegners auswendig lernen, der wird nicht selten im ungünstigsten Moment von einer neuen Granate überrascht.

Aufgrund des hohen Schwierigkeitsgrads ist Milanoirs Spieldauer schwer einzuschätzen. Zwischen drei und acht Stunden scheint alles möglich zu sein. Allerdings konnten Italo Games einen guten Ausgleich zwischen der Länge der verschiedenen Levels und der Schwierigkeit herstellen. Vergleichsweise einfache Kapitel bieten eine größere Welt, während die schwierigen Kapitel, in denen wir abermals von Kugeln durchsiebt werden, nur aus wenigen Levels bestehen.

Wer Milanoir zu schwierig findet, der kann sich übrigens Hilfe holen. Das gesamte Spiel kann von zwei Spielern gespielt werden, wobei (am PC) Spieler eins die Tastatur und Spieler zwei einen Controller verwendet. Dabei gesellt sich zu Piero in der roten Lederjacke eine weitere Spielfigur in Blau. Dieser Mehrspielermodus ist sehr ausgereift und die Fadenkreuze sind farbig markiert.

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Die Steuerung wurde einfach gehalten, ist jedoch manchmal etwas fummelig. Dies liegt daran, dass einerseits nur wenige Knöpfe verwendet werden müssen (je nach Tastenkombination dient die Leertaste dazu, Gegner zu erwürgen, uns zu verstecken oder hinter der Deckung hervorzuspringen), andererseits ist genau dies der Grund, warum wir oft die falschen Aktionen ausführen. Milanoir scheint mit Maus und Tastatur einfacher zu sein, da wir das Fadenkreuz schneller und genauer bewegen können. Vor allem bei Verfolgungsjagden gestaltet sich das Spielen mit Controller schwierig, da das Fadenkreuz immer wieder an einen Ausgangspunkt zurückspringt, was bei der Tastatur nicht passiert. Im Arenamodus gibt es den Unterschied, dass sich das Fadenkreuz mit Piero mitbewegt, was das Zielen selbst mit Aim-Assist erschwert, allerdings wissen wir nicht, ob dies so gewollt ist. Wenn wir Autos lenken und dabei Hindernissen ausweichen müssen, funktioniert dies nur bei hoher Lenkempfindlichkeit. Abgesehen davon funktioniert die Steuerung gut, positiv fallen vor allem die verschiedenen einstellbaren Stufen des Aim-Assists auf.

Eine weitere Stärke von Milanoir ist außerdem die Grafik. Zwar sind die beweglichen Objekte nichts wirklich Besonderes, ebenso wenig die Effekte wie Explosionen. Doch mit der fabelhaften Pixelgrafik sieht selbst die dreckigste Ecke Mailands schön aus, das Flair der Stadt wurde perfekt eingefangen. Passend zur lebendigen Spielewelt wurden selbst normale Hauswände äußerst detailliert und liebevoll dargestellt. Grafisch ist das nächtliche Mailand wahrlich ein kleines Meisterwerk.

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Ebenfalls passend ist der funkige, auf Retro getrimmte Soundtrack, zu dem Piero Sacchi wie ein Großstadtcowboy durch die Gegend stolziert. Die Musik trägt ihren Teil zur stimmigen Atmosphäre bei, ist aber nicht besonders vielfältig, die Zahl der Tracks hält sich in Grenzen. Die Effektgeräusche sind ebenfalls nichts Besonderes. Eine Vertonung gibt es zwar keine, dafür aber die typischen Sprechblasen. Die ironischen, dreckigen, klischeehaften Dialoge passen perfekt zum Setting und wurden gut geschrieben. Wer italienisch kann, dem sei wärmstens Empfohlen, das Spiel in dieser Sprache zu genießen. Doch auch die deutsche Übersetzung kann sich zeigen lassen – die Dialoge wurden nicht eins zu eins übersetzt, doch das ist gut so, denn auf diese Weise merkt man deutlich, dass die Übersetzer sich beim Schreiben etwas überlegt haben.

Neben der Story bietet Milanoir einen Arenamodus, in dem wir so lange wie möglich Gegnerhorden abwehren müssen. Es stehen uns fünf Karten zur Verfügung, welche alle ihre speziellen Eigenheiten haben, etwa die Altstadt oder eine Metrostation, in der wir über Treppen auf den anderen Bahnsteig wechseln können. Auch der Arenamodus kann zu zweit gespielt werden.

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Getestete Version: PC/Steam

 

Unser Fazit

75 %

Milanoir ist ein spannendes, forderndes 2D-Action-Adventure mit einer Menge Geballer. Die Story an sich ist zwar nichts Neues, doch sie könnte direkt aus einem Krimi der 70er-Jahre stammen. So dreht sich unsere Geschichte um Bandenkriege, Verrat, Rache, Ehre, Gier und Gewalt, die Dialoge sind typischerweise frech und dreckig, lassen uns aber umso mehr in die Spielewelt eintauchen. Diese wurde extrem detailliert und liebevoll gestaltet, mit der frischen Pixelgrafik wurden Mailands Schauplätze perfekt eingefangen, sodass das ganze Spiel über eine stimmige Atmosphäre herrscht, welche vom Soundtrack zusätzlich aufrechterhalten wird. Die Verkehrsschild-Querschläger sind eine interessante Spielmechanik, zusammen mit dem Arenamodus und der Möglichkeit, Mailands Straßen zu zweit zu erobern, macht Milanoir einen sehr ausgereiften Eindruck. Milanoir ist selbst auf der untersten Stufe eine Herausforderung und teils sogar richtig fies, was aufgrund der fehlenden Speicherfunktion, kleinen Problemen bei der Steuerung und der großen Portion an Trial and Error frustrierend sein kann. Doch Milanoir hat etwas Spezielles an sich, das uns immer wieder ins nächtliche Mailand zurückruft.

Pro

  • + Kompakte Steuerung...
  • + Charaktere mit Wiedererkennungswert...
  • + Authentische, stimmige Atmosphäre
  • + Perfekt eingefangenes Flair einer nächtlichen Großstadt
  • + Mailands Stadtteile lassen sich wiedererkennen
  • + Spielwelt ist ein grafisches Meisterwerk
  • + Dreckige Dialoge
  • + Gute Übersetzung
  • + Interessante Querschläger-Spielmechanik, ohne die wir nicht überleben
  • + Aim-Assist mit mehreren Stufen
  • + (Zumeist) abwechslungsreiches Spielerlebnis (Trial and Error, Schleichpassagen, Zwischensequenzen, Bosskämpfe, Verfolgungsjagden)
  • + Zweispielermodus
  • + Story und Soundtrack wie aus einem 70er-Krimi
  • + Ausgleich zwischen Kapitellänge und Schwierigkeit

Kontra

  • - ... welche allerdings dadurch etwas fummelig sein kann
  • - ... wenn auch teilweise etwas oberflächlich und nicht allzu glaubhaft
  • - Gefährliche Gratwanderung zwischen schwierig und unfair
  • - Fehlende Speicherfunktion
  • - Um zwischen Controller und Tastatur zu wechseln, ist ein Neustart nötig
  • - Steuerung teilweise fummelig, Zielen bei Verfolgungsjagden mit Controller fast nicht möglich
  • - Einige Verkehrsschilder reagieren nur, wenn aus einem bestimmten Winkel auf sie geschossen wird
  • - Schwierige Passagen in Kombination mit fummeliger Steuerung und fehlender Speicherfunktion frustrierend
  • - Mag für einige Spieler zu schwer sein
  • - Effekte und Effektgeräusche nichts Besonderes
  • - Gewalt, Ruchlosigkeit und Vulgärität manchmal etwas sehr auf die Spitze getrieben
  • - Spiel scheint stellenweise unnötig in die Länge gezogen

Unsere Bewertung

Grafik
 
85 %
Sound
 
67 %
Steuerung
 
70 %
Gameplay
 
76 %
Multiplayer
 
00 %
Spielspaß
 
79 %

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