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Need for Speed (2015) – Test / Review

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Veröffentlicht 5. Januar 2016 | 17:02 Uhr von Marc Wunder

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Es sollte ein Reboot werden. Need for Speed – keine Ziffer, kein Untertitel. Jedoch handelt es sich hierbei keineswegs um eine Wiederbelebung der ursprünglichen Serie, sondern der äußerst erfolgreichen Underground-Ableger. Ob EA es schafft, an den Erfolg anzuknüpfen klärt dieser Test. 

I feel the need… 

Kurz nach der Jahrtausendwende, das Jahr 2001. Der Film „The Fast and the Furious“ kommt in die Kinos und bildet damit die neue amerikanische Tuningkultur ab. Bis zur Unkenntlichkeit verspoilerte japanische Mittelklassewagen, pfeifende Turbolader, Neonbeleuchtung, grelle Lackierungen hart an der Geschmacksgrenze. Natürlich dauerte es nicht lange, bis dieser Trend auch Europa erreicht.

EA war es dann auch, die als erstes das Potential dieser Entwicklung erfassten. Zwei Jahre später, 2003, erschien das Need for Speed einer neuen Generation: Underground. Nicht mehr waren europäische Supersportwagen die Stars, sondern japanische Mittelklassesportler, die sich nachts illegale, waghalsige Rennen in der hell erleuchteten Großstadt lieferten. Das Game kam an und bescherte EA kräftig Umsatz.

Mit der Zeit flachte der Trend allerdings ab und man wandte sich langsam wieder den schlauchigen Supersportwagenrennen zu. Der Ruf der Fans nach einem Underground 3 wurde immer lauter. Nun hat EA diesen erhört und probiert sich an einem Neustart. Leider mit einigen Fehlzündungen.

Dabei sind die Voraussetzungen eigentlich gegeben. Die Auswahl der Wagen ist gut. Tuningoptionen gibt es endlich wieder reichlich, die Motorensounds sind wuchtig und Ventura Bay ist ein angemessen großer Spielplatz. Zudem sieht die Grafik einfach super aus und kommt mit ihren Spiegelungen und Lichtreflexionen dem vielbeschworenen Fotorealismus doch schon sehr nahe. Doch der Reihe nach…

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… the need for speed!

Die Story könnte generischer nicht sein. Ihr kommt also als Frischling in eine neue Stadt, klinkt euch in die dortige Rennszene ein und möchtet natürlich – ganz in gute alter Pokemon-Tradition- möglichst schnell der Allerbeste sein. Dazu werden euch fünf pseudocoole Racer-Kiddies als Sidekicks zur Seite gestellt. Jeder davon bevorzugt einen ganz bestimmten Stil, was in unterschiedlichen Renntypen resultiert. Es gibt Speed, Style, Crew, Schrauber und Outlaw. Während man bei Speed klassische Straßenrennen bestreitet, muss man bei Crew beispielsweise Driftrennen fahren, bei denen man möglichst nahe bei den restlichen Fahrern bleibt, um den Multiplikator zur erhöhen. Als Outlaw bekommt man es hingegen des Öfteren mit der Polizei zu tun.

An der Spitze jedes Stils steht eine Ikone, beispielsweise Ken Block, den man im Laufe des Spiels beeindrucken muss. Präsentiert wird die Geschichte in kurzen Realclips aus der Egoperspektive, in denen man mit der Crew abhängt. Qualitativ wirken diese Szenen sehr hochwertig produziert, der Inhalt jedoch würde selbst einem Zwölfjährigen die Schamesröte ins Gesicht treiben – nur echt mit Monster Energy! Die Dialoge und das pseudocoole Gehabe der Personen ist so überdreht und peinlich, dass selbst „The Fast and the Furious“ dagegen eine philosophische Abhandlung sein könnte.

Also wendet man sich lieber den eigentlichen Protagonisten zu: den Autos. Davon gibt es derzeit ca. 50 Stück und es sollen demnächst noch weitere folgen. Das hört sich jetzt nicht nach übermäßig viel an, aber die Mischung passt. Vom VW Golf über mehrere BMWs und japanische Racer bis hin zu Supersportwagen der Marken Ferrari und Lamborghini ist alles dabei.

Tuningoptionen sind vielfältig vorhanden und dabei an ein Reputationssystem geknüpft. Durch gewonnene Rennen und waghalsige Fahrstile sammelt man REP und steigt damit im Level. Dabei werden mit der Zeit immer mehr optische und auch leistungssteigernde Tuningteile freigeschalten. Es ist durchaus möglich, das ganze Spiel mit dem Startwagen zu beenden, wenn man nur genug Geld hinein steckt. Auch optisch kann man die meisten Wagen sehr weit individualisieren. Bodykits, Felgen, Anbauteile und ein gelungener Folieneditor machen es möglich. Zudem lässt sich über ein clever gestaltetes Menü das Handling des Wagens in Richtung Grip oder Drift anpassen. Und zwar so selbsterklärend, dass man dafür kein Autoprofi sein muss. Später ist es allerdings ratsam, für die unterschiedlichen Eventtypen verschiedene Wagen in der Garage zu haben, damit man nicht immer umbauen muss. Leider wurden einem nur fünf Garagenplätze spendiert. Autosammlungen kann man also leider nicht anlegen.

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Race or die!

Ist man mit seiner Kreation zufrieden, dann geht’s raus auf die Straßen von Ventura Bay. Die Stadt ist wirklich sehr abwechslungsreich und organisch gestaltet. Sie besteht aus mehreren Bezirken, die durch allerhand Highways verbunden sind. Es gibt verwinkelte Industriebezirke, kurvige Passstraßen, breite Hauptstraßen und lange Highways. Leider gibt es abseits der Events wenig zu entdecken. Hier mal ein verstecktes Anbauteil, da eine Fotolocation und dort eine Möglichkeit für Donuts. Das wars auch schon an Sammelobjekten. Auch die Polizei ist in freier Wildbahn eher selten anzutreffen und reagiert viel zu zahm. Man wird sich also relativ schnell dabei ertappen, dass man sich öfters nur noch zum Zielort teleportiert. Schade, die Stadt ist auf der einen Seite so gut designet, aber es fehlt eben der Inhalt. Auch ein bisschen Sonne hätte sehr gut getan – leider Fehlanzeige, Need for Speed spielt ausschließlich in der Nacht und im Morgengrauen.

In den Rennen bekommt man bewährte Kost serviert. Zeit-, Sprint-, Rundkurs- und Driftrennen wechseln sich mit verschiedenen Aufgabenstellungen ab. Mal ist auf einer vorgegebenen Strecke eine Punktzahl zu überbieten, ein anderes Mal versucht man, vor Ablauf der Uhr die meisten Driftpunkte aller Teilnehmer auf der Uhr zu haben. Auch kann man sich immer aussuchen, welchen der fünf Handlungssträngen man gerade folgen möchte.

Das Fahrverhalten ist gewohnt arcadig. Sämtliche Wagen fahren ein bisschen wie auf Schienen und reagieren sehr direkt auf Lenkeingaben. Zu heftige Umgebungskontakte werden mit einer Unfallsequenz „belohnt“, der einem einige Sekunden an Zeit kostet. Gerade bei Sprintrennen hat man dann kaum noch Chancen auf den Sieg. Vor allem, da die Gegner-KI mal wieder Gummiband vom Feinsten bietet. Selbst wenn man perfekt fährt und weitaus übermotorisiert ist, holen die KI-Kameraden selbst 10-sekündige Rückstände ohne Probleme auf. Andersherum scheinen Gegner fast stehen zu bleiben, ist man selbst in mehrere Unfälle verwickelt. Natürlich bis auf Position 1. Dieser fährt meilenweit uneinholbar vorneweg. Das alles ist definitiv nicht mehr zeitgemäß und zu Recht der größte Kritikpunkt von Need for Speed. Dass die Entwickler schon per Patch nachsteuerten und einige Rennen entschärften, sagt so einiges aus.

Zudem fühlt sich das Driften zu Beginn sehr merkwürdig an. Es scheint, als würde das Spiel beim einleiten des Drifts in eine andere Art von Fahrphysikmodell wechseln. Zum Teil kann man in langen Kurven per Drift schneller beschleunigen, als beim normalen Fahren – Kurios! Gerade der Übergang vom Fahren zum Drift erfolgt sehr abrupt, so dass man Anfangs öfters mal in der Leitplanke landet. Mit der Zeit arrangiert man sich aber damit, gerade weil das Querfahren in den meisten Storyrennen oberste Priorität hat.

Zudem muss man sich vor zwei Dingen jederzeit fürchten. Zunächst wären da die dauernden, nervigen Anrufe der Crewmitglieder, die mit dämlichem Yo-Bro-Slang danach fragen, wo man denn bleibt. Selbst während der Rennen. Wer die Anrufe von Roman in GTA IV schon nerv tötend fand, wird hier eines Besseren belehrt.

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Das Andere sind menschliche Mitspieler. Need for Speed benötigt nämliche eine dauerhafte Internetverbindung, die dafür sorgt, dass man in Ventura Bay nie alleine ist -  auch wenn man es gerne wöllte. Es gibt nichts blöderes, als auf Platz 1 kurz vor dem Ziel frontal in einen zufällig entgegen kommenden Mitspieler zu brettern. Zudem tummeln sich auch manchmal Witzbolde auf den Servern, die einen zu jedem Rennen folgen und absichtlich Unfälle provozieren.

Man kann ja verstehen, dass EA gern auf den derzeit so angesagten Multiplayer-Crew-Zug aufspringen will, aber sie hätten zumindest eine Art Ignorier-Funktion oder einen Melde-Button integrieren müssen. Am Ende bleibt viel Potential ungenutzt. Die Mechaniken und das Gameplay sind auf jeden Fall in Ordnung und Fans von Arcaderacern werden mit dem Titel sicherlich ihren Spaß haben. Allerdings ist das ganze Drumherum bestenfalls Mittelmaß. Gerade der unausgewogene Schwierigkeitsgrad kann einen zur Weißglut treiben. Während viele Events, gerade Zeitfahren und Drift, viel zu einfach geraten sind und man die Zeiten und Punkte der „Ikonen“ geradezu pulverisiert, sind einige Rennen einfach nur frustig schwer. Vor allem gegen Ende gleichen Rennveranstaltungen mit den Supersportwagen einem Ritt auf der Kanonenkugel, bei dem ein kleiner Rempler schon ausreicht, die Siegchancen gegen Null laufen zu lassen, während die KI ihre perfekten Bahnen abspult.

Die Polizeiverfolgungsjagden wirken zudem einfach nur aufgesetzt und lassen sämtliche Spannung und Dramatik eines Most Wanted vermissen. Es fühlt sich einfach so an, als wären alle guten Gameplayelemente, die die Serie in den letzten Jahren etabliert hat, auf ein rudimentäres Minimum herunter geschraubt worden. Da wurde es eindeutig mit dem „Back to the Roots“ übertrieben.

Gelobt werden muss hingegen die Soundkulisse. Die deutsche Synchronisation wirkt professionell, die Motorensounds sind stimmig (wenn auch leicht übertrieben) und der Soundtrack bietet eine gute Mischung aus Rock, Electro und Rap. Mit Genetikk hat es sogar ein deutschsprachiger Künstler ins Spiel geschafft.

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Unser Fazit

68 %

Was hätte es für ein tolles Spiel werden können. Die Individualisierung und das Tuning sind toll, Ventura Bay eine super designte Stadt und die Grafik ist einfach bombastisch. Auch das Fahren und Driften an sich macht nach einiger Eingewöhnungszeit sehr viel Spaß. Leider scheitern die Schweden von Ghost Games an zu großen Ambitionen. Die Stadt ist leer, die Polizei zu selten vertreten und harmlos, die Story mitsamt der peinlichen Videosequenzen ist für die Tonne und bei der Gummiband-KI fehlen einem einfach nur die Worte. Da retten auch der große Umfang und die vielfältigen Events nichts mehr. Vielleicht benötigt der Reboot einfach ein Reboot….

Pro

  • + tolle Grafik
  • + schön designte Stadt
  • + vielfältiges Optik- und Leistungstuning
  • + einfach einstellbares Handling
  • + gut gemischter Fuhrpark
  • + spaßige Fahrphysik
  • + hochwertig produzierte Realsequenzen
  • + guter Soundtrack

Kontra

  • - leere Spielwelt
  • - Gummiband-KI aus der Hölle
  • - unausgewogener Schwierigkeitsgrad
  • - Online-Zwang
  • - nervige Ablenkungen durch das Handy
  • - peinliche Dialoge, 08/15-Story
  • - Polizei kaum präsent und harmlos
  • - keine Cockpitperspektive

Unsere Bewertung

Grafik
 
91 %
Sound
 
90 %
Steuerung
 
85 %
Gameplay
 
60 %
Multiplayer
 
68 %
Spielspaß
 
70 %

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Hier im Forum als RONIN unterwegs. Seit über zwei Jahrzehnten leidenschaftlicher Gamer. Als Multiplattformer auf jedem System zuhause.

Kommentare

  • Marcel sagt:

    Mir hat das Spiel im grossen und ganzen Spass gemacht, auch mit den zusätzlichen DLC Achievements / Trophys welche integriert wurden. Für mich stimmt einfach die Balance in einigen Rennen nicht und der elende Gummiband Effekt.

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