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Need for Speed Payback – Test / Review

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Veröffentlicht 8. Dezember 2017 | 17:03 Uhr von Thomas Pfnür

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1994 startete EA mit Need for Speed eine der erfolgreichsten Rennspielserien überhaupt. 150 Millionen Spiele sollen laut dem Publisher die letzten 23 Jahre über die Verkaufstheken gewandert sein. Hierbei wechselte über die Jahre nicht nur die Qualität, sondern, teilweise in sogar sehr kurzen Abständen, auch die dafür verantwortlichen Entwickler. Seit dem durchwachsenen Reboot 2014 hat nun Ghost Games das Zepter in der Hand und versucht mit NFS Payback einen erneuten Anlauf uns Spieler mit Story, Rennspaß und Forderung zu begeistern. Ob ihnen das wirklich gelingt? 

Unkomplizierte Arcade-Action mit fehlender Identität 

Wer sich auf ein Need for Speed einlässt, sollte wissen oder weiß es vielleicht schon, dass er hier keine Rennsimulation geboten bekommt, die etwa ein besonders realistisches Fahrverhalten abbilden will. Vielmehr ist es, und war es schon immer der Serienansatz unkomplizierte Arcarde-Action zu bieten – mit allen damit verbundenen Vor-, wie Nachteilen. Positiv etwa ist, dass der Zugang leicht und ohne große Frustmomente verbunden ist. Es macht einfach Spaß mit seinem hochgetunten Schlitten durch die Kurven zu driften, mehr Gas zu geben, als zu bremsen, sich mit aberwitzigen Sprüngen neue Wege zu erschließen oder sich mit der Konkurrenz nervenaufreibende Stoßstangen-Duelle zu liefern. Das alles bietet NFS Payback nämlich in Perfektion. Was der neueste Spaß-Racer allerdings nicht biete, ist so etwas wie Forderung. Rennspielfans kommen viel zu schnell an die Motivationsgrenze und werden sich bereits nach wenigen Rennrunden gelangweilt fühlen. Das ärgert – ähnlich, wie dass die KI nach wie vor am Gummiband-Effekt leidet, soll heißen, dass selbst die größten Abstände von den CPU-Fahrern immer wieder mit Leichtigkeit zugefahren werden. Übrigens, ein seit vielen Jahren bekanntes und immer wieder angeprangertes Problem.

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Extrem auffällig ist auch der viel zu große Schwierigkeitsunterschied der einzelnen Events. Dass die unterschiedlichen Rennen unterschiedlich schwer zu bestreiten sind, dürfte logisch sein, aber dass das Ganze so weit geht, dass man in einem Wettbewerb, selbst in der einfachsten Stufe, kaum Land gegen die übermächtige Konkurrenz sieht, während man bei anderen Events praktisch zu keinem Zeitpunkt auch nur den Hauch von so etwas wie Anspruch spürt, ist dann doch zu übertrieben – und nervt ab einen gewissen Zeitpunkt auch richtig. Wie auch, dass die Fahrzeuge nicht immer für alle Rennarten freigeschalten sind, obwohl sie selbige rein theoretisch ohne Probleme absolvieren könnten. D. h. für euch, ihr müsst euch zum Erledigen bestimmter Aufgaben exakt den dafür vorgesehenen fahrbaren Untersatz besorgen. Eine Design-Entscheidung, die vor allem Zeit und „Geld“ kostet – oder einfach nur der plumpe Versuch ist, die nicht gerade mächtige Kampagne mit einfallslosen Mitteln in die Länge zu ziehen.

Aber das passt in das Gesamtbild des neuesten Need for Speed-Ablegers. Ein Produkt, das unfertig wirkt, sich uninspiriert spielt und welchem es komplett an der Eigenständigkeit fehlt. Statt neue frische Ideen zu kreieren, bedienen sich die Entwickler ganz unverhohlen bei der Konkurrenz. So findet man Anleihen von Forza Horizon genauso, wie von den älteren Burnout- oder Fast and the Furious-Spielreihen. Sich das Beste des Genres zusammenzusuchen und daraus einen neuen Titel zu „erschaffen“, kann man gut oder schlecht finden, wenn man es aber schon macht, dann sollte es wenigstens sinnvoll um- bzw. eingesetzt sein. Dies ist bei Payback aber zu keinem Zeitpunkt der Fall. Wie gesagt: Alles wirkt einfallslos und in gewisser Weise auch unfertig – keine wirklich guten Voraussetzungen für ein Vollpreis-Spiel.

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Schwache Story, öder Multiplayer, aber einige Fahrzeuge 

Unfertig ist auch die Umsetzung der offenen Welt. Per se ist die Entscheidung euch die Möglichkeit zu geben, alles zu erkunden, mit eurem Boliden „frei“ durch die Botanik zu düsen und einfach mal irgendwo einen Sonnenuntergang genießen zu können, nicht die schlechteste. Weniger gut ist nur, dass es in Need for Speed eben auch an den nötigen Inhalten dieser Welt fehlt. Die Freiheit wird relativ schnell langweilig, wenn kaum etwas passiert – und man noch dazu relativ schnell an die bekannten, unsichtbaren Grenzen (Mauern) stößt. Wären nicht die Fahrzeugwracks, man würde unvermittelt die Sinnfrage stellen. Aber zum Glück gibt es eben genau jene „Rostlauben“, die dem sinnfreien Umher-Cruisen dann doch einen gewissen Reiz verleihen – und letztendlich auch diesen Spaß bieten, aus komplett verwahrlosten Autos mit gefundenen Teilen, einigem „Geld“ und viel virtuellen Schweiß wahre Schätzen des eigenen Fuhrparks aufzubauen.

Ein guter Zeitpunkt, um auf den sehr umfangreichen Tuning-Shop und die mal wieder vorhandenen Mikrotransaktionen hinzuweise. Ja, das Echtgeld-Bezahlsystem ist natürlich auch in Need for Speed Payback wieder mal vorhanden. Aber nein, es drängt sich nie auf und ist auch zu keinem Zeitpunkt wirklich nötig, um etwa in der Geschichte weiterzukommen. Diese „Diskretion“ ist im Übrigen auch deshalb möglich, weil das sinnvoll aufgebaute Belohnungssystem einen guten Job macht und euch stetig mit genug virtueller Währung oder sonstigen passenden Boni versorgt. Und das übrigens in den unterschiedlichsten Events. Drift, Rennen, Flucht, Drag oder Offroad – Langeweile sollte zumindest aufgrund der Menge der Möglichkeiten nicht aufkommen. Auch die Unmenge an Fahrzeuge kann durchaus begeistern. Vom sündhaft teuren Sportflitzer über hochmotorisierte „Schlammfresser“ bis hin zu den eher gemächlichen LKWs ist so ziemlich alles vorhanden, was einen Autofan begeistern könnte.

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Schon weit weniger begeistert da der eher schwach umgesetzte Multiplayer. Schwach bezieht sich hierbei vor allem darauf, dass der Modus praktisch keine Überraschungen bietet. Über Xbox Live wird euch der ganz normale Standard geboten, mehr aber auch schon nicht. Ihr wählt einen Wagen, dann eine Serie mit vorher ausgewählten Events und tretet schlussendlich gegen Spieler der gleichen Leistungsstufe an. Natürlich gibt es auch wieder Ranglisten, in welchen eure Erfolge abgebildet werden und ihr euch somit direkt mit der Community vergleichen könnt. Nichts Besonderes eben. Insgesamt hat man sowieso ziemlich schnell den Eindruck als wäre die Spielvariante übers World Wide Web tatsächlich nur eine schmucklose Dreingabe zur Offline-Kampagne – schon mutig, in einer Zeit, wo gerade Online-Multiplayer für viele so wichtig ist.

Bisher noch kein einziges Wort haben wir über die Geschichte eben dieser Kampagne verloren. Nicht ganz ohne Grund, denn mehr als eine schwache Story um Freunde, Verrat und Macht ist dabei auch nicht herausgekommen. Zwar lockern die Zwischensequenzen den stupide Rennfahreralltag gut auf, aber durch die teilweise uninspirierte Erzählweise und vor allem auch Synchronisation fühlt man sich zu keinem Zeitpunkt in die Geschichte hineingezogen oder gar mit einer der handelnden Personen wirklich verbunden. Insgesamt sind drei Charaktere spielbar, alle mit jeweils total unterschiedlichen Ausrichtungen. Tyler Morgan ist für die Straßenrennen in und um Fortune Valley zuständig, Sean McAlister ist der Drift- und Offroad-Spezialist und Jessica Miller fühlt sich vor allem im Modus Verfolgung richtig wohl. Abwechslung sollte somit garantiert sein. Sollte, ist es aber nicht. Und dies liegt nicht Zuletzt eben auch an dieser Geschichte um die Rennfahrer-Crew, welche über weite Strecken tatsächlich nicht einmal B-Movie-Niveau erreicht.

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Technik mit Licht und Schatten

Dafür ist die Landschaft in Need for Speed grundsätzlich sehr abwechslungsreich gestaltet. Silver Rock bietet das Stadtleben mit vielen Hochhäusern und gut ausgebauten Straßen. In Liberty Desert hingegen finden wir vor allem viel Wüstensand und einen kleinen Hauch von Freiheit. Silver Canyon setzt dafür auf staubige Pisten und teilweise richtig tolle Ausblicke. Und Mount Providence ist für die praktisch in jedem Rennspiel enthaltenen Bergstrecken, viele Kurven und eine gewisse Herausforderung verantwortlich. Problem hierbei: Frostbite hat mit der Darstellung des Ganzen mehr als einmal stark zu kämpfen. Und zeigt dies ganz deutlich durch ständige Ladeprobleme. Von den ersten Rennmetern weg, muss man damit leben, dass Bäume, Häuser oder, und das ist besonders schwach, bestimmte Asphaltbereich der gerade befahrenden Straße extrem spät aufpoppen. Das sorgt nicht nur für ein unruhiges, kaum stimmiges Bild, es geht mit der Zeit sogar richtig auf die Augen. Ebenfalls auf die Augen, im negativen Sinn, geht die lieblose Gestaltung des Stadtszenarios und seiner Straßenzüge. Triste Texturen, wohin man blickt. In der Stadt sind es vor allem die Gebäude die für eine optische Enttäuschung sorgen, in der Wüste ist es die absolut schwache Weitsicht, die durch den berühmt berüchtigten Nebel auf ein Minimum reduziert wird.

Minimalismus ist auch beim Schadenssystem angesagt. Spielerisch sowieso keine Auswirkung, sehen die Ergebnisse der praktisch immer präsenten Unfälle mehr als lächerlich aus. Wir „küssen“ die Leitplanke im aberwitzigen Tempo von weit über 200 km/h, überschlagen uns sogar in bester Hollywood-Action-Streifen-Manier und unser Wagen hat gerade mal ein paar kleine Kratzer in der Karosserie. Wir finden: Das ist lächerlich.

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Aber die Grafik hat tatsächlich auch ihre Highlights. Etwa die richtig schönen Lichteffekte, wenn z. B. die Landschaft bei einem Sonnenuntergang in stimmungsvolles rotes Licht getaucht wird. Oder auch die Fahrzeuge selbst, welche über weite Strecken authentisch, vor allem aber sehr schön designt sind. Da zeigen die Entwickler dann doch auch mal, dass sie zu mehr, vor allem aber auch zur Liebe zum Detail fähig sind.

Und trotzdem es bleibt dabei, die gesamte Optik ist einfach kein Meisterwerk und sicher auch nicht eine besondere Herausforderung an die Hardware einer Xbox One. Da fragt man sich unwillkürlich, wie es denn dann sein kann, dass das Spiel praktisch nie wirklich flüssig läuft. Besonders auffällig wird dieser Schwachpunkt, wenn mal etwas mehr auf den Straßen los ist – auf ein komplettes Versagen der Framerate kann man dann schon Wetten abschließen. Aber weil dies immer nicht schon genug Technikmacken sind, müssen wir uns tatsächlich auch noch mit langen Ladezeiten auseinandersetzen – oder sollen wir besser sagen, wir dürfen uns darüber ärgern.

Aber auch das genügt noch nicht. Auch der Sound scheint total fehlerhaft integriert worden zu sein. Mehr als einmal setzt doch tatsächlich die komplette Akustik aus – mit dem „genialen“ Effekt, dass man ohne Motoren- oder sonstigen Fahrgeräusch durch die Landschaft „düst“. Die Frage sei schon erlaubt, wo bitte hier die Qualitätssicherung war, beim Kaffeetrinken? Aber selbst ohne diese Bugs ist der Sound ganz gewiss keine Sternstunde der Entwicklerkunst und kämpft schon grundsätzlich mit enormen Qualitätsschwankungen. So klingen manche Boliden richtig gut, während bei anderen das Antriebsaggregat so dünn und leise aus dem heimischen Lautsprecher kommt, dass man ungewollt mehr an eine Vespa, als an einen Porsche denkt. Von Realismus kann hier also überhaupt keine Rede sein.

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Getestete Version: Xbox One

 

Unser Fazit

61 %

Grundsätzlich bietet Need for Speed Payback genau das, was wir von einem NfS erwartet haben: Einfache, oberflächliche Arcade-Action. Das mag vielen bereits genügen – uns genügt es nicht. Die schwache Kampagne, die neben einer öden Story und teilweise kaum vorhandenen Inhalten, vor allem auch mit einigen Design-Fehlern zu kämpfen hat, der Onlinemodus, der zu keinem Zeitpunkt über den Status „Beiwerk“ hinauskommt, und die fehlerhafte Technik, die vor Grafik- und Sound-Bugs geradezu strotzt, lassen uns leider eben allzu schnell dieses an sich spaßige Spielgefühl vergessen. Auch kreist ständig die Sinnfrage im Raum, während wir mit unserem fahrbaren Untersatz durch die offene Welt düsen. Es fehlt das Mitreißende, das gewisse Etwas, welches uns immer und immer wieder an den Controller zurückkehren lässt. Need for Speed Payback hat etwas von einer spielerischen Zwischenmahlzeit, die aufgrund der durchaus vorhandenen Abwechslung bei den Wettbewerben und den Fahrzeugen für das eine oder andere Rennen gut ist, zu mehr aber leider auch schon nicht – und das ist uns für ein Vollpreisprodukt dann doch viel zu wenig.

Pro

  • + unkomplizierte Arcarde-Action…
  • + …mit leichtem Zugang
  • + abwechslungsreiche Wettbewerbe…
  • + …mit abwechslungsreichen Fahrzeugen…
  • + …auf abwechslungsreichen Strecken
  • + offene Welt…
  • + …und die darin versteckten Rostlauben
  • + umfangreicher Tuning-Shop
  • + gutes Belohnungssystem
  • + stimmungsvolle Lichteffekte
  • + schönes Fahrzeugdesign

Kontra

  • - Gameplay ohne Forderung
  • - KI mit Gummiband-Effekt
  • - frustrierende Schwierigkeitsschwankungen
  • - bestimmte Fahrzeuge für bestimmte Wettbewerbe
  • - offene Welt…
  • - …und die darin fehlenden Inhalte
  • - Online-Modus nur ödes „Beiwerk“
  • - Kampagne mit extrem schwacher Geschichte…
  • - …und noch schwächerer Synchronisation
  • - Ladeprobleme der Grafikengine
  • - triste Texturen
  • - Nebel, statt Weitsicht
  • - kaum stabile Framerate
  • - Soundaussetzer

Unsere Bewertung

Grafik
 
70 %
Sound
 
50 %
Steuerung
 
80 %
Gameplay
 
63 %
Multiplayer
 
55 %
Spielspaß
 
61 %

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Als arbeitender Familienvater hat Thomas natürlich nur wenig Zeit, aber wenn dann halt mal doch, schreibt er mit großer Begeisterung mehr oder weniger Sinnvolles über alles was auch nur annähernd mit Sport zu tun hat.

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