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The Spectrum Retreat – Test / Review

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Veröffentlicht 28. August 2018 | 21:14 Uhr von T_Knightingale

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Die bessere Verfügbarkeit von kostengünstigen Entwicklungsumgebungen und die verstärkte Öffnung der Konsolenmarktplätze für kleinere Entwickler haben in den letzten Jahren zu einem regelrechten Boom an Independent-Spielen mit interessanten Konzepten, die von der AAA-Spieleindustrie kaum verfolgt werden, geführt. Eines der Genres, das durch diese Entwicklung nach Portal 2 eine Renaissance erlebt hat, sind First-Person-Puzzlespiele.

„The Spectrum Retreat“ ist eines dieser Spiele, das ohne die Entwicklungen der letzten Jahre kaum möglich gewesen wäre.

Es ist früh am Morgen. Der Wecker klingelt. Es klopft an Tür. Wir stehen auf gehen an die Tür. Dort erwartet uns Hotelpersonal, das uns auffordert, ins Restaurant zu gehen, um unser Frühstück zu uns zu nehmen. Eigentlich eine nicht ganz ungewöhnliche Szene. Doch etwas stimmt nicht. Die Person an Tür ist nicht wirklich eine Person. Dieses „Etwas“ hat zwar die Statur und die Form eines Menschen, doch das Fehlen eines Gesichts erweckt eher den Eindruck, als hätten wir es mit einer lebendig gewordenen Schaufensterpuppe zu tun.

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Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.

Trotz eines mulmigen Gefühls im Bauch nehmen wir die Aufforderung dennoch an und machen uns auf den Weg ins Restaurant. Vor unserer Zimmertür erwartet uns ein unübersichtliches Gewirr an Gängen – alle sauber aufgeräumt, ja fast schon steril. Es reiht sich Tür an Tür an Tür. Aber trotz der schieren Größe der Etage und der schicken Inneneinrichtung, die Klassik und Moderne vereint, um eine gewisse Wärme zu verbreiten, wirkt das gesamte Hotel leer, kalt und unpersönlich. Auf dem Weg zu Restaurant begegnen wir noch weiteren der merkwürdigen Schaufensterpuppen, die uns begrüßen, aber mit jedem weiteren Schritt Richtung Frühstück werden wir das Gefühl nicht los, dass das hier alles nicht normal ist.

Hier stimmt wirklich etwas ganz und gar nicht.

Vielleicht legt sich dieses Gefühl nach dem Erreichen des Restaurants. Doch auch hier: Enttäuschung. Wie das restliche Hotel ist auch das Restaurant komplett ausgestorben. Ein Blick in die Küche offenbart auch nur eine große Leere. Einzig das Frühstück, das auf dem für uns reservierten Tisch steht, ragt aus der monotonen Leere heraus.

Zeit, schnell das Frühstück zu verspeisen und dann der Stimme zu folgen, die uns am Telefon kontaktiert hat und unsere Befürchtung bestätigt, dass dieser Ort nicht normal ist, und behauptet, dass wir hier gegen unseren Willen festgehalten werden. Sie will uns, dem Spieler und der Spielfigur helfen, die Geheimnisse dieses Ortes aufzudecken und aus diesem Albtraum zu entkommen. Wir machen uns auf die Suche nach einer Geheimtür und dem Code, mit dem wir sie öffnen können, um hinter die Kulisse blicken zu können.

Und der Blick hinter die Kulisse, der uns nach dem Öffnen der Tür erwartet, bestätigt alle Behauptungen unserer unbekannten Helferin: Dieser Ort ist wirklich nicht real, sondern scheint eher eine virtuelle Welt zu sein, in der wir eingesperrt sind. Und es liegt an uns – der Spielfigur und dem Spieler – den Code zu knacken, die Geheimnisse hinter diesem Ort und unseres vermeintlichen Zwangsaufenthalts aufzudecken und aus diesem mentalen Gefängnis zu entkomme.

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Welch dunkles Geheimnis steckt hinter alledem?

So beginnt die Geschichte von „The Spectrum Retreat“. Die Prämisse ist nicht unbedingt die originellste, aber auf dem Weg hin zum letzten großen Geheimnis des Spiels warten genug Überraschungen und kleinere Wendungen, um am Ende eigenständig genug zu sein, ohne sich zu sehr auf ausgetretenen Pfaden zu bewegen. Alleine die finale Offenbarung, die einem auch eine schwierige Entscheidung abverlangt, macht das Spiel schon erlebenswert.

Das Zentrum des Spiels liegt jedoch tief verborgen hinter der eigentlichen Hotelkulisse. Hinter den 5 Türen auf den unterschiedlichen Etagen des Hotels liegen düstere, vertrackte Räume, die mit ihren Rätseln den Code und den Kern der Simulation der Simulation darstellen, die überwunden werden müssen, um an die Wahrheit zu kommen.

Das einzige Hilfsmittel, das man dafür hat, ist ein Farbwechsler. Innerhalb des Kerns der Simulation sind an vielen Stellen Quader verteilt, die unterschiedlich eingefärbt sind. Mithilfe des Farbwechslers kann man die Farbe eines Quaders aufnehmen und sie auf einen anderen Quader, der z.B. mit einer ebenfalls farbcodierten Brücke oder Tür verbunden ist, übertragen. Anfangs ist es nur möglich, zwischen Weiß und Rot zu wechseln, später kommen noch Grün und Blau dazu. Außerdem trifft man später auch auf spezielle Quader, die zwar Farben abgeben können, aber sie nicht aufnehmen können, sondern permanent einer Farbe zugeordnet bleiben.

Und wie es sich für ein kniffliges Rätselspiel gehört, kommen im Laufe der Zeit auch immer mehr zusätzliche Hindernisse in den Weg. Liegen die Quader in den Anfangsräumen noch relativ frei zugänglich verteilt in den Räumen, so dass es zu Beginn nur darum geht, alle für das Lösen einer Kombination Quader zu finden und in der richtigen Reihenfolge einzufärben, so sind die Quader nach und nach in immer komplexer werdenden und oftmals mehrere Etagen umfassenden Konstruktionen versteckt. Einige Quader befinden sich z.B. hinter Wänden mit nur kleinen Fenstern, so dass man sie nur in einem bestimmten Blickwinkel erreichen kann, andere Quader wiederum bewegen sich an Schienen entlang und ermöglichen so einen Zugang vom unterschiedlichen Punkten aus, so dass man die Farbe erst über mehrere Hindernisse und andersfarbig codierte Türen hinweg transportieren muss, um sie zur finalen, farblich passend codierten Tür bringen zu können.

Um ein Rätsel wirklich erfolgreich lösen zu können ist es so spätestens ab Hälfte des Spiels erstmal nötig, die komplexe Levelarchitektur genau zu studieren, um zu erkennen, welche Quader und Mechanismen wie zusammengehören und welche Reaktionen durch einen Farbwechsel ausgelöst werden. Das ist vor allem auch deshalb nötig, weil es keine „Rückgängig“-Funktion gibt und ein Fehler durchaus dazu führen kann, dass man sich in eine Sackgasse manövriert und die Aufgabe von vorne starten muss.

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Das ist nicht wirklich schlimm, da das effektive Abarbeiten einer Aufgabe in der Regel höchstens 5 Minuten dauert, so man die Lösung gefunden hat, ist aber dennoch ein bisschen arg nervig, wenn man zum Herausfinden der Lösung die ersten paar Schritte ein paar Mal absolvieren muss, um wieder an die Stelle zu kommen. Das ist vor allem deshalb auch zusätzlich unangenehm, da die Rätselkammern insgesamt sehr steril, optisch abwechslungsarm und dunkel geraten sind. Die geringe Helligkeit ist zwar auch von Vorteil, weil so die hell leuchtenden Farbquader deutlich hervorstechen, aber in eigenen der Bereiche, in denen gerade keine Quader hell leuchten, macht es die Navigation auch deutlich schwerer. Und leider bietet das Spiel keinen Gamma-Regler, um dieses Problem zu umgehen, was etwas erstaunlich ist, da es andererseits mehrere unterschiedliche Anzeigeeinstellungen für Personen mit Farbsehschwächen bietet.

Was die Navigation durch die Level ebenfalls leicht erschwert, ist die etwas arg eigenwillige Steuerung, die eine ungewohnte Beschleunigung des Blickes nutzt, und die in Kombination mit einem ebenfalls etwas ungewohnten Blickfeld (FOV), das eine leichte Fischglas-Optik hat, nicht so sofort eingängig ist. Das ist beides Alles in Allem nicht dramatisch, benötigt aber gegebenenfalls ein paar Minuten Eingewöhnungszeit.

Diese kleinen Stolpersteine trüben den Eindruck des Spiels ein wenig, werden aber durch das tolle Rätseldesign, das vor allem im letzten Drittel des Spiels durch einen weiteren zusätzlichen Twist nochmal ein paar Schippen drauflegt, zum Glück wieder wettgemacht.
Wirken die Puzzles anfangs noch recht banal, wird das Hirnschmalz zum Ende hin wirklich zum Schmelzen gebracht, da man nicht nur mit immer mehr Farben hantieren muss, sondern auch vermehrt über mehrere Ebenen und Räume hinweg denken muss.
Abhängig von der eigenen Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, und der Schnelligkeit des räumlichen Wahrnehmungsvermögens dürften Rätselfreunde zwischen 3 und 5 Stunden lang an „The Spectrum Retreat“ ihre Freude haben. Das ist nicht übermäßig lang, aber für ein Spiel zum Preis von 12,99€ ziemlich angemessen, zumal das Spiel sich auch nicht zu lange mit einzelnen Ideen aufhält, sondern in praktisch jedem Raum ein neues Element oder eine neue Idee einführt und sich dadurch jeder Rätselraum einzigartig anfühlt.

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Einzig bei der Grafik und der Präsentation müssen gewisse Abstriche gemacht werden. Die Spielwelt ist schick und durch einen eigenen Stil gekennzeichnet, ist aber andererseits ziemlich statisch und wenig detailliert. Dennoch ist das Gesamtbild in Sachen Grafik, Sound und Präsentation ziemlich solide und auch nicht durch technische Probleme geplagt.

Und das ist etwas, das man als durchaus erstaunlich betrachten kann, denn sowohl das Design, als auch die Geschichte und die Programmierung stammen aus der Hand einer einzigen Person: Dan Smith, der seit seinem 15. Lebensjahr über mehrere Jahre hinweg an diesem Spiel gearbeitet hat, hatte nur in den Bereichen Musik, Story und Synchronisierung Unterstützung und hat seine Vision dieses Spiels ansonsten alleine umgesetzt. Und das ist eine wahrlich beeindruckende Leistung, die zeigt, dass sich speziell im Bereich der Independent-Spiele einige wahrlich talentierte Köpfe bewegen, die in der Lage sind, Spiele zu erschaffen, die zwar nicht so durchpoliert wie große AAA-Produktionen sind, aber dennoch durch ein durchdachtes Kernkonzept erfolgreich getragen werden können. Und das ist bei „The Spectrum Retreat“ der Fall. Die kleinen Schwächen des Spiels werden durch die starke Idee dahinter und durch das großartige Rätseldesign aufgehoben und führen dazu, dass „The Spectrum Retreat“ sowohl spielerisch als auch von der Geschichte her voll überzeugen kann.

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Bild 1 von 15

Getestete Version: Xbox One

 

Unser Fazit

80 %

Was die Optik und Präsentation betrifft, ist The Spectrum Retreat etwas zu minimalistisch und monoton geraten. Das ergibt zwar im Story-Zusammenhang durchaus Sinn, führt aber manchmal auch zu ein paar Orientierungsproblemen. Diese Schwächen werden jedoch durch die interessante Geschichte und das wirklich großartige Rätseldesign schnell wieder wettgemacht. Für Rätselfreunde wird hier ein paar Stunden lang wirklich Einiges geboten, das weit über die Standardkost hinaus geht und vor allem gegen Ende mit einigen Puzzles aufwartet, bei dem sich die Hirnwindungen verdrehen oder sowohl Logik als auch räumliches Denken gefragt sind. The Spectrum Retreat ist eine wirklich gute Wahl, wenn man einen schönen Rätselabend erleben möchte und nebenbei auch noch das Geheimnis einer mysteriösen Geschichte aufdecken möchte.

Pro

  • + Farbenblind-Modus
  • + Interessante Geschichte
  • + Ausgeklügeltes Rätseldesign
  • + Abwechslungsreiche Rätsel, die regelmäßig mit neuen Konzepten oder Änderungen aufwarten
  • + Zum Ende hin wirklich fordernde Rätsel
  • + Fordernd, aber nicht unfair schwer
  • + Deutsche Texte

Kontra

  • - Optisch sehr minimalistisch und steril, teilweise etwas dunkel
  • - Kein Gamma-Regler
  • - Falsche Lösungen können in Sackgassen enden und einen Level Neustart erfordern
  • - Gewöhnungsbedürftige Steuerung/Ungewohntes Blickfeld

Unsere Bewertung

Grafik
 
70 %
Sound
 
75 %
Steuerung
 
75 %
Gameplay
 
85 %
Multiplayer
 
00 %
Spielspaß
 
80 %

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Thommysoft ist auf Xbox-Senioren.com sowie im Schwestern-Forum PSN-Senioren.com ein Moderator und hilft mit viel Engagement den Usern bei PlayStation-Problemen weiter. Ab und an verfasst er für insidegames einen Test.

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