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TheNightfall – Test / Review

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Veröffentlicht 13. Februar 2018 | 18:58 Uhr von BigJim

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Eingefleischte Horror-Fans konnten den Grusel-Adventures von VIS-Games bisher nur ein müdes Lächeln abgewinnen. Pineview Drive (2014) und Joe’s Diner (2015) scheiterten an ihrem repetitiven Gameplay. Obscuritas (2016) bot schon etwas mehr Abwechslung, nervte aber aufgrund vertrackter Rätsel und heimtückischer Todesfallen. Größeres Interesse bestand von Seiten einiger YouTuber; sie widmeten diesen Spielen zahlreiche Let’s Plays. Mit dem unlängst veröffentlichten TheNightfall unternimmt der deutsche Entwickler den nunmehr vierten Versuch, uns das Fürchten zu lehren.

Victoria allein zu Haus

„My home is my Castle“. Das dachte sich wohl auch Victoria, als sie aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt zog, wo ihre Familie ein kleines Häuschen inmitten einer etwas abseits gelegenen Wohnsiedlung erwarb. Doch mit dem kompletten Nachzug klappt es nicht ganz. Ehemann und Kinder können erst am nächsten Tag anreisen. Und so muss Victoria die erste Nacht allein in dem schmucken Eigenheim verbringen, genauer gesagt die Zeit von 22.00 Uhr abends bis 6.00 Uhr morgens. Leichter gesagt als getan. Denn es kommt, wie es in einem richtigen Grusel-Adventure kommen muss: Es spukt! Lichtblitze zucken durch den Raum, Stühle, Bücher und andere ursprünglich mit aller Sorgfalt angeordneten Objekte ändern wie von Geisterhand verrückt ihre Position, übernatürliche Kräfte scheinen sich Victoria bemächtigen zu wollen, und gegen Mitternacht klingelt es an der Haustür – ohne, dass draußen jemand vor ihr stehen würde. Irgendwann versagt auch noch die Technik. Zu vorgerückter Stunde gehen per Telefon seltsame Anrufe ein, aber die Notrufe Victorias dummerweise nicht mehr raus. Die Situation gewinnt an Brisanz, als plötzlich sämtliche Außenfenster mit Brettern vernagelt und die Türen verschlossen sind. Bingo. Unserer Protagonistin wird klar: Sie ist eingesperrt, gefangen im eigenen Haus.

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Spurensuche auf kleinem Raum

Was anfangs recht spannend beginnt, mündet schnell in einem monotonen Abklappern von Zimmern und Einrichtungsgegenständen. Im Vergleich zu Pineview Drive, das auf dem großflächigen Anwesen einer alten Villa nebst Friedhof spielte, ist unser Bewegungsfreiheit in TheNightfall stark eingeschränkt. Victorias Haus besteht lediglich aus Erd- und Obergeschoss und einem kleinen Garten, der sich anfangs noch betreten lässt. Nicht einmal über einen Keller scheint das neue Domizil zu verfügen. Die Folge: nach ca. 30 Minuten hat man so ziemlich alles gesehen. Der Spieler betritt ab dann ständig dieselben Räumlichkeiten und muss diese über alle zwanzig Mini-Kapitel hinweg wiederholt durchsuchen. Nach was wir hier suchen? Hauptsächlich nach Textbotschaften in Form von Papierseiten, die uns Aufschluss darüber geben, was mit den ehemaligen Vorbesitzern und in der unmittelbaren Nachbarschaft einst geschah. So fügen sich verschiedene Hinweise und Details allmählich zu einer Geschichte, die – das sei an dieser Stelle erwähnt -  weniger kryptisch ausfällt als in Pineview Drive, dessen Ende ich bis heute nicht kapiert habe. Ohne zu viel vorweg zu nehmen: es geht um das Verschwinden von Kindern. Und um einen geheimnisvollen Fremden im Clown-Kostüm, der Eis verkaufte und die Gegend mit seinem Wagen häufig belieferte.

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Der Schrank- und Schubladen-Simulator 2018

Pineview Drive sah sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, Spielern kaum Möglichkeiten der Interaktion zu bieten. Offenbar haben sich die Entwickler von VIS-Games diesen Kritikpunkt zu Herzen genommen. Denn interagieren können wir nun in TheNightfall – und das bis zum Abwinken. Viele Gegenstände lassen sich aufnehmen und benutzen. Darunter auch Krimskrams, für den wir überhaupt keine Verwendung haben. Und so stauen sich in unserem Inventar schon bald ein halbes Dutzend Eier. Oder Disketten, die wir nach dem Stromausfall im Haus, der u.a. unseren C64 lahmlegt, eh nicht mehr gebrauchen können. Die Positionierung einiger Objekte ist oft Zufalls-generiert. So muss Victoria nach einem Hamster suchen, der sich – je nach Belieben des Programms – mal im Kühlschrank, mal im Geschirrspülautomaten versteckt. Wer nun glaubt, dadurch würde möglicherweise der Wiederspielwert erhöht, ist leider auf dem Holzweg.

Tatsächlich nervt die ständige Rumsucherei, weil wir alle Schränke und Schubladen des Hauses x-fach, und das über die komplette Spielzeit von ca. 8 bis 10 Stunden, filzen müssen. Finden sich die Batterien für Victorias Taschenlampe oder Streichhölzer (damit lassen sich z.B. Kerzen oder der Kamin im Wohnzimmer anzünden) um 23.20 Uhr noch im Badezimmer, liegen diese Dinge gegen 2.10 Uhr in der Schreibtischschublade des Arbeitszimmers rum – oder umgekehrt. Dem Spieler bleibt bei der Suche nach wichtigen Objekten also nichts anderes übrig, als innerhalb der jeweiligen Kapitel das komplette Haus auf den Kopf zu stellen. Immer und immer wieder. Dies ist auch deshalb geboten, damit wir das nächste Skript-Ereignis auslösen. Sonst geht’s nämlich nicht weiter. Angesichts der Fülle an Interaktionen wäre es freilich sinnvoll gewesen, die Benutzen-Funktion (Standard-Belegung: „E“-Taste) gleich auf die linke Maustaste zu legen.

Ein weiteres Manko: Gespeichert wird nur am Anfang eines Kapitels (ein Kapitel umfasst ein Zeitintervall von 30 Minuten, z.B. von 0.00 Uhr bis 0.30 Uhr). Quicksave entfällt. Brechen wir ein Kapitel vorzeitig ab, müssen wir es beim nächsten Spielstart wieder neu beginnen – und die ganze Schrank- und Schubladen-Wühlerei geht von vorne los.

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Seichter Horror

TheNightfall wendet sich augenscheinlich an eine jüngere Zielgruppe, was nicht nur die Hinwendung zu (Horror-)Clowns, sondern auch diverse Jump-Scares vermuten lassen, welche bestenfalls Erstklässler erschrecken dürften. So erwarten uns platzende Luftballons, finster dreinblickende Spielzeugpuppen und andere Albernheiten aus der Vorschulzeit, die Outlast-erfahrenen Gamern sicherlich nicht den kalten Angstschweiß auf die Stirn, dafür aber garantiert einige Lachtränen in die Augen treiben werden. Vorausgesetzt, der Zocker fällt nicht vorher schnarchend vom Stuhl oder sieht sich den Wetterbericht im Fernsehen an, weil der aufregender ist.

Dennoch geht auch in TheNightfall die Grusel-Atmosphäre nicht völlig verloren, was in erster Linie der Akustik zu verdanken ist. Viele Sound-Effekte, wie das Schlagen einer Turmuhr oder Stimmen aus dem Nichts, kamen schon in Pineview Drive sparsam dosiert und geschickt platziert zum Einsatz und schaffen es auch diesmal, zumindest zeitweilig, eine unheimliche Stimmung zu erzeugen.

Weniger begeistern kann hingegen die deutsche Synchronisation. Die Stimmen von Victoria und ihrem Mann wirken unnatürlich. Das Gesprochene klingt wie vom Blatt abgelesen. An einer Stelle nimmt die Protagonistin die grafisch durchschnittliche Qualität von TheNightfall auf die Schippe. Die Tatsache, dass beim Blick in den Spiegel ihr eigenes Abbild nicht zu erkennen ist, kommentiert sie mit den Worten: „Hm, ich habe kein Spiegelbild. Entweder bin ich ein Vampir oder die Performance der Engine hat es einfach nicht hergegeben.“ Hihi, eine wahre Spaßkanone, diese Victoria. Ein Leckerbissen für Retro-Fans: nahe einer Sitzecke im Haus steht eine alte Konsole, auf der man Arcade-Klassiker wie Pac-Man oder Space Invaders zocken kann – bis der Strom ausfällt und es dunkler wird…

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Getestete Version: PC/Steam

Unser Fazit

57 %

Wie seine Quasi-Vorgänger enthält TheNightfall ein paar gute Ansätze, die jedoch nicht konsequent umgesetzt wurden. In Sachen Spieldesign erscheint auch dieses jüngste Grusel-Adventure aus dem Hause VIS-Games wie mit der heißen Nadel gestrickt und in mancherlei Hinsicht nicht wirklich durchdacht. Das Gameplay ist weniger repetitiv als noch in Pineview Drive oder Joe’s Diner, aber immer noch zu monoton, um den Spieler spannend und vor allem dauerhaft zu unterhalten. Außerdem wirken bestimmte Effekte eher belustigend als gruselig. Für Anhänger leicht verdaulicher Poltergeist-Kost bzw. Spieler, die bereits mit Pineview Drive & Co. ihre Freude hatten, könnte TheNightfall von Interesse sein. Der Rest aber kann nur hoffen, dass VIS-Games mit dem im Abspann angekündigten Pineview Drive: Rising Storm nochmal eine ganze Ecke zulegt.

Pro

  • + schaurig-schöne Soundkulisse (Umgebungsgeräusche)
  • + mehr Interaktionsmöglichkeiten als in Pineview Drive
  • + einige nette Ideen (spielbare Retro-Klassiker)
  • + interessante Hintergrundstory (mit Auflösung)

Kontra

  • - relativ kleine Spielwelt
  • - wenig Abwechslung
  • - dürftige Synchronisation
  • - über weite Strecken nicht wirklich gruselig

Unsere Bewertung

Grafik
 
60 %
Sound
 
70 %
Steuerung
 
75 %
Gameplay
 
40 %
Multiplayer
 
00 %
Spielspaß
 
40 %

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