insidegames

Tour de France 2017 – Test / Review

Direkt zum Fazit springen

Veröffentlicht 3. Juli 2017 | 17:33 Uhr von Thomas Pfnür

Tour-de-France-2017-logo

Schlechtes Image des Radsports hin oder her, die Cyanide Studios und Focus Home Interactive werden nicht müde jedes Jahr immer wieder Spielumsetzung zur Tour de France in die Läden zu stellen. 2017 unter anderem auch mal wieder für die Xbox One. Doch trotz dieser Ausdauer gelingt es der Serie selbst nach diesen vielen Jahren nicht, sich aus einer extrem lästigen Mittelmäßigkeit zu befreien – auch mit der aktuellen Version nicht. 

Ein Spielprinzip nur für Fans 

Das spielerische Hauptaugenmerk von Tour de France 2017 liegt nicht in der Steuerung der Rennräder selbst, das Ganze wird schließlich nur mit simplen, kaum fordernden Tastenbefehlen abgehandelt, viel mehr will der Titel durch diverse taktische Besonderheiten eine gewisse Realitätsnähe vermitteln. Radsport ist heutzutage eben nicht nur stupides In-die-Pedale-treten, sondern immer auch ein Zusammenspiel von Ausdauer, Technik, Streckenkenntnis und vor allem Teamarbeit. Und diese Aspekte versuchen die Entwickler nun in der aktuellen Radrennsimulation mal wieder abzubilden. Mit teilweise durchaus respektablen Erfolg.

tour-de-france-2017-screenshot-01

Kein Buttonmashing also, stattdessen erwartet die Radsportumsetzung von euch ein gezieltes, vor allem aber überlegtes Vorgehen. Im Mittelpunkt steht hierbei der Kraft- bzw. Ausdauerbalken. Da jeder Antritt Energiepunkte kostet, welche wiederum besagten Balken leeren, müssen kräfteraubende Aktionen mit Bedacht eingesetzt werden. Und gerade dieser bedachte Einsatz, wird einem anfangs ziemlich schwerfallen. Ergebnis: Man wird häufig Lehrgeld zahlen und, öfters als einem lieb sein kann, schnaufend auf einen der hinteren Plätze ins Ziel rollen. Gerade Genre-Neulinge können sich also darauf einstellen, dass sie ein paar Rennen brauchen werden, bis sie das System verstanden und sämtliche Gameplaykniffe, wie etwa den geschickten Einsatz der Verpflegung oder die Wahl der richtigen Kettenübersetzung zur richtigen Zeit, verinnerlicht haben.

Doch nicht nur der Einsatz der eigenen Energiereserven ist wichtig, auch die Wahl der Renntaktik kann über Platz 1 oder 100 entscheiden. Und hier kommen dann auch eure Teamkollegen ins Spiel. Oder besser die Anweisungen, die ihr an selbige geben könnt. Soll Nachführarbeit, also zum Einholen von anderen Fahrern, geleistet werden? Oder wollt ihr Unterstützung bei einem Ausreisversuch? Sollen euch die Teammitglieder schützen, um den Vorsprung in der Gesamtwertung zu verteidigen? Oder soll für euren Sprint um den Tagessieg ein entsprechender „Zug“ aufgebaut werden? Alles kein Problem, über ein schnell aufrufbares System könnt ihr praktisch alle wichtigen Teamtaktiken sofort anwählen. Und das Beste: Die KI führt die Aktionen grundsätzlich auch weitestgehend sinnvoll und vor allem realistisch aus. Unter anderem auch deshalb, weil bei den Fahrern die grundsätzlichen Fähigkeiten gut integriert wurden. Sprinter sind dafür ausgelegt hohe Wattzahlen im Zielbereich auf die Kette zu bringen, Steigungen sind für sie eine Qual und nur mit entsprechender Krafteinteilung überhaupt zu meistern. Kletterer sind hingegen gerade in den Bergen zuhause und fühlen sich am wohlsten je steiler die Strecke ist, haben dafür aber Probleme, wenn das Rennen auf den letzten Metern besonders schnell wird. Und dann gibt es natürlich noch die Fahrer, die mehr oder weniger „Allround“-Fähigkeiten besitzen, also irgendwie alles können, aber nichts übermäßig gut und deshalb die sogenannten Arbeiter im Team sind, also für alles eingesetzt werden können.

Übrigens müsst ihr die Etappen nicht komplett abfahren. Je nach Lust und Laune oder auch nach Rennverlauf könnt ihr praktisch an jeden Punkt der Strecke springen, was wiederum eine so genannte Zeitraffer startet, die euch im Stil eines schneller ablaufenden Livetickers präsentiert wird. Schade nur, dass euch kaum Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, um das Verhalten eures Fahrers bzw. eures Teams in diesen automatischen Rennsprüngen zu beeinflussen, stattdessen bestimmt die CPU mehr oder weniger selbst, wie diese Rennminuten simuliert werden. Trotzdem werden besonders die ungeduldigen Spieler dieses Feature begrüßen, können sie so die Etappen doch in wenigen Minuten absolvieren.

Also alles gut? Tatsächlich kann Le Tour de France 2017 ein durchaus ansprechendes Gameplay mit passender Fahrphysik vermitteln, das vor allem Fans der Sportart eine gewisse Zeit glücklich machen wird. Die werden dann wohl auch darüber hinwegsehen, dass es dem Titel an der nötigen spielerischen Abwechslung fehlt. Die einzelnen Rennen sind kaum dynamisch, weshalb sich schnell eine gewisse spielerische Routine, oder sagen wir besser Langeweile einstellt. Schade auch, dass man in vielen Bereichen einfach den nötigen Tiefgang vermisst und eine entsprechende Weiterentwicklung des eigenen Fahrers nicht wirklich geboten bekommt.

tour-de-france-2017-screenshot-02

Ein bisschen mehr als die Tour 

Natürlich dreht sich viel um die aktuelle Tour de France, welche mit den aktuellen Daten mal wieder komplett enthalten ist. Alle 22 Teams und mehr als 200 Fahrer auf ihren Original-Drahtesel sind nicht nur real, sie entsprechen auch genau dem, was an dem diesjährigen Rennspektakel teilnimmt. Gesprintet, ausgerissen und die Berge „hochgekraxelt“ wird natürlich auf den 21 offiziellen Etappen. Deutschland, vor allem aber Düsseldorf, ist also genau so enthalten, wie das spezielle Landschaftsprofil von Belgien und der obligatorische Champs-Élysées in Paris. Grundsätzlich beschränkt sich der Inhalt schon sehr auf das namensgebende Event, aber eben nicht nur. Im Pro Team Modus wird euch neben der Möglichkeit ein eigenes Amateurteam zu erstellen, direkten Einfluss auf die Mannschaftszusammenstellung zu nehmen und mehrere Saisons zu spielen, eben auch die Chance gegeben, Strecken abseits der Tour zu fahren. Zwar haben sich nur zwei Events namens Triptyque des Monts et Châteaux und Critérium du Dauphiné als Zusatzwettkämpfe ins Spiel verirrt, aber besser als nichts ist dies auf jeden Fall. Schön auch, dass ihr Fahrer von anderen Teams verpflichten oder Talente aufnehmen könnt, alles mit dem Ziel, einen immer schlagkräftigeren Rennstall aufzubauen. Die Managertätigkeiten beschränken sich hierbei aber nur auf Marginalien, tiefgreifende Aufgaben, wie etwa das Ausarbeiten von Trainingsplänen oder die Gestaltung des Rennkalenders, wie etwa beim Radsport Manager für den PC, braucht ihr nicht zu erwarten. Auf der Xbox One bleibt alles sehr rudimentär, um nicht zu sagen richtig oberflächlich. Das hat dann leider natürlich auch extremen Einfluss auf die Langzeitmotivation, die schon nach wenigen Fahrten in den Keller geht, schlicht, weil es an der fordernden Abwechslung fehlt.

Einigermaßen nett präsentiert sich die namensgebende Spielvariante Tour de France, die natürlich als Basis die aktuelle Rundfahrt beinhaltet und euch die Möglichkeit gibt, neben den gelben auch das grüne (Sprint), gepunktete (Berg) oder weiße (bester Nachwuchs) Trikot zu gewinnen. Ein paar vergnügliche Spielstunden kann auch der durchaus fordernde Herausforderungsmodus und die launige Mehrspielervariante bieten, in welcher ihr zu zweit in der Variante Koop oder Versus im Split-Screen um die Etappensiege fahren könnt. Trotzdem täuscht auch dies nicht darüber hinweg, dass es inhaltlich einige Schwächen gibt und man sich wirklich schwer tut, überhaupt einen Grund zu finden, sich intensiver und vor allem auch länger mit Le Tour de France 2017 zu beschäftigen.

tour-de-france-2017-screenshot-03

Langweilige Optik, passende Akustik 

Definitiv noch weniger Gründe für überhaupt ein Spiel mit der Radumsetzung werden Technikfans finden und selbst der neutralste Beobachter wird kaum glauben können, was ihm Focus Home Interactive hier so als aktuelle Optik verkaufen will. Matschige Texturen, wohin das Auge blickt, nur wenige Details abseits der Fahrbahn, ständiges Objektaufpoppen, magere Weitsicht, dafür ein immer präsenter Nebel, hässliches Zuschauerdesign, meist eine Präsentation aus der Steinzeit und weil das Alles noch nicht genügt, gibt es, als sogenanntes Sahnehäubchen oben drauf, lange Ladezeiten.

Zumindest sind die Radfahrer selbst durchaus ansehnlich gezeichnet und auch die Animationen werden meist flüssig, vor allem aber relativ realistisch auf den heimischen Bildschirm dargestellt. Und natürlich wurde daran gedacht, immer mal wieder Wahrzeichen, wie etwa den Eiffelturm, einzubauen, um eine gewisse Realitätsnähe zu vermitteln. Allerdings, wie beim PC-Ableger eben auch, können wir nicht beurteilen, ob die Strecken selbst jetzt wirklich Originalgetreu auf die BluRay gepresst wurden, häufig scheint es aber so, als würden sich manche Abschnitte öfters wiederholen, zumindest unserer Meinung nach. Grundsätzlich kann das viel zu triste Design zu keinem Zeitpunkt diesen besonderen Tour-de-France-Flair erzeugen, welcher, trotz Doping und anderer Tricksereien, jedes Jahr Millionen an die Strecken, vor allem aber vor die Fernseher lockt.

Zumindest auf Seiten des Sounds gibt es nur wenig zu bemängeln. Die Hintergrundmusik ist hörenswert, der Team Funk kommt realistisch aus den Lautsprechern und auch die sonstige Geräuschkulisse könnte tatsächlich von einem Radrennen stammen.

tour-de-france-2017-screenshot-04

 

Getestete Version: Xbox One

Unser Fazit

65 %

Spielerisch wird Tour de France 2017 den einen oder anderen Fan der Sportart begeistern. Zumindest anfangs. Wenn er die Teamtaktik sieht, wenn er das strategische Vorgehen spürt und wenn er merkt, dass simples Buttonmashing zu keinen Siegen führt, wird ihn sicher eine gewisse Spielfreude packen. Doch mit der Zeit bekommt auch der Fan mit, dass sich die Rennen viel zu statisch geben, es an der fordernden Dynamik komplett fehlt und man eigentlich immer die gleichen Aktionen ausführt, um erfolgreich zu sein. Gelegenheitsspieler sind hier meist dann schon ausgestiegen, denn wirklichen Zugang bietet der Titel kaum. Aussteigen werden viele dann aber vor allem auch aufgrund der Technik. Matschige Texturen, kaum Details, null Weitsicht und absolut hässliche Zuschauerreihen schrecken richtig ab. Da können dann auch die einigermaßen ansehnlichen Fahrer und die meist flüssigen Animationen nur noch wenig Begeisterung auslösen. Warum trotz dieser schwachen Optik, dann aber die Hardware tatsächlich zu langen Ladezeiten gezwungen wird, bleibt wohl für immer ein Geheimnis der Entwickler. Der Umfang kann mit der Tour de France und zwei weiteren Nebenevents nur bedingt begeistern. Auch wenn hier alles komplett und originalgetreu ist, was Teams, Fahrer und Etappen angeht. Leider gibt es gerade in der Karriere nur ein sehr marginales Nebenher, was innerhalb kurzer Zeit die Spielmotivation enorm in den Keller drückt. Aber zumindest der Multiplayer, wenn auch nur zu zweit, kann für manch vergnügliche Spielsession sorgen. Ob dies allerdings jetzt genügt, dafür knapp 50 Euro auf den Ladentisch zu legen? Wir sagen eher Nein.

Pro

  • + Gameplay für Fans
  • + …mit Teamtaktik und strategischem Vorgehen
  • + unterschiedliche Fahrertypen
  • + komplette Lizenz zur Tour de France
  • + …mit allen Fahrern, Teams und Etappen
  • + Pro Team Modus bietet etwas mehr Tiefgang
  • + spaßiger Multiplayer im Split-Screen
  • + passender Sound

Kontra

  • - Gameplay vor allem für Fans
  • - …ohne wirklichen Zugang
  • - Rennen fühlen sich nicht wirklich dynamisch an
  • - viele Aktionen wiederholen sich und wiederholen sich…
  • - Managertätigkeiten sehr marginal
  • - …dadurch beschränkt sich alles meist aufs „Radfahren“
  • - Pro Team Modus suggeriert mehr, als er hält
  • - Multiplayer gerade mal zu zweit
  • - Grafik nicht zeitgemäß
  • - Clippingfehler, Popups und matschige Texturen
  • - …trotzdem lange Ladezeiten
  • - angestaubte Präsentation ohne Highlights

Unsere Bewertung

Grafik
 
60 %
Sound
 
65 %
Steuerung
 
65 %
Gameplay
 
65 %
Multiplayer
 
50 %
Spielspaß
 
65 %

- ANZEIGE -


Tags:

Weitere News und Spiele zum Thema

Als arbeitender Familienvater hat Thomas natürlich nur wenig Zeit, aber wenn dann halt mal doch, schreibt er mit großer Begeisterung mehr oder weniger Sinnvolles über alles was auch nur annähernd mit Sport zu tun hat.

Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Erfolge Trophy Leitfaden Keyword-Wolke:


  • http://www insidegames ch/review/guardians-of-the-galaxy-the-telltale-series-episode-1-tangled-up-in-blue-test-review/


- ANZEIGE -


*