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The Witness – Test / Review

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Veröffentlicht 3. Januar 2017 | 16:56 Uhr von Alexander Winkel

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Mit Braid revolutionierte Jonathan Blow nahezu im Alleingang die Indie-Szene und setzte damit den Grundstein für die heutige Akzeptanz der kleinen Entwicklerstudios. Umso gespannter fieberte jeder seinem neuesten Werk entgegen, welches sehr viele Jahre an Reife benötigte. Kein Garant für Qualität, siehe den gescheiterten Duke, jedoch kann The Witness tatsächlich als kleines Juwel betrachtet werden, dessen Feinschliff aber noch fehlt.

Hochtrabende, gar philosphischer Worte, welche die Einleitung schmücken. Dabei kommt The Witness nahezu ohne Hintergrundgeschichte oder gar irgendwelche Metaphern aus – ganz anders als andere Vertreter der Rätselkost wie The Talos Principle oder ganz klassisch die Portal Spiele mit Glados, der eher zynischen künstlichen Intelligenz. Durch einen Tunnel gelangt ihr auf eine mysteriöse Insel, welche vor allem farbtechnisch viel Varianz offenbart. Grelle rosafarbene Bäume grenzen sich vom weißen Granit, den mit Bambus durchzogenen Dschungel oder einer sandigen Wüste mitsamt altertümlichen Bauten ab. Aus der Egoperspektive kann das Eiland nach nur wenigen Minuten und den ersten paar Denkaufgaben völlig frei erkundet werden. The Witness gibt keinerlei Hinweise oder Richtungen und es obliegt dem Spieler, die Geheimnisse zu lüften. Jedoch kann es passieren, dass ihr zunächst in Areale mit Aufgaben kommt, deren Prinzipien sich derzeit noch eurer Kenntnis einziehen und zunächst in anderen Bereichen erlernt werden wollen.

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Rätsel und Geheimnisse finden sich auf der malerischen Insel mehr als genug. Wer möchte, kann dank eines geheimen Endes schon nach wenigen Minuten Spielzeit einen irrwitzigen Abspann genießen. Doch nur die wenigsten werden bereits zu Beginn die versteckten Mechaniken entdecken, die nicht nur an den üblichen Terminals Anwendung finden, sondern überall in der Natur, wenn die Perspektive und der Blickwinkel richtig liegen. Dazu müsst ihr zunächst erahnen, wie The Witness gestrickt ist. Das Grundprinzip aller Rätsel basiert auf einem Labyrinth mit einem oder mehreren Eingängen sowie einem oder mehreren Ausgängen. Auf den Bildschirmkonsolen, später aber auch ganz anderen Varianten müsst ihr dabei einen gültigen Lösungspfad wie bei den klassischen Rätselbüchern im übertragenen Sinne mit Stift auf Papier einzeichnen. Die Handhabe mit dem Controller ist leider immer wieder mal hektisch und schwammig, was hin und wieder ärgerlich ist. In aller Regel schaltet die richtige Lösung entweder das nächste Rätsel frei, oder aber den Strom ein und leitet diesen über quer über das Eiland verlegte Kabel in die nächste Szenerie.

Dadurch werden Türen geöffnet, Geheimgänge entdeckt und manch elektromechanische Konstruktion in Bewegung gesetzt, um letztendlich jedweden Laser Richtung des schneebedeckten Bergmassivs zeigen zu lassen. Dies scheint das augenscheinlich ultimative Ziel zu sein, und dennoch fehlt es unserer Meinung nach an passender Belohnung bzw. einem erstrebenswerten Ende. Rätsel für Rätsel wird gelöst, die Hirnzellen verrenkt und teilweise stundenlang gegrübelt, jedoch lässt The Witness den Sinn und Zweck unseres Tuns missen. Dies kann auf Dauer dann doch frustrierend sein, wenn nur die persönliche Freude darüber existent ist, eine der schweren Aufgaben doch noch geknackt bzw. im Halbschlaf im Bett des Rätsels Lösung vor Augen zu haben und damit ein Gatter weiter zu kommen. Dabei scheint das Eiland uns etwas erzählen zu wollen. Überall mysteriöse Statuen, in ihrer Bewegung erstarrte Monumente. Jedoch gibt sich der Titel auch diesbezüglich karg, abgesehen von elend langen, teils philosophischen Monologen, welche als Tonband gefunden werden können.

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Dennoch hat The Witness eine gewisse Anziehungskraft und diese liegt in den jahrelang ausgetüftelten und bis ins letzte Detail filigran durchdachten Rätseln. Nach und nach garniert Jonathan Blow die Labyrinthmechanik mit zahlreichen Bedingungen, welche zum Querdenken anregen und teilweise sämtliche Sinne beackern. Des Rätsels Lösung ist zum Beispiel nur erkennbar, wenn das Geäst als Schablone über die Schaltflächen geschoben wird, also die richtige Perspektive durch das Laub gefunden, oder die abgenutzten Flächen dank Licht- und Sonnenspieglung erkannt wurden. Die oftmals wie auf einem Karopapier erstellte Labyrinthe zeigen Bruchstellen und Hindernisse auf und mit jedem neuen Zeichen wird ein weiteres Element hinzugefügt, welches bei der Lösung beachtet werden muss. Es werden Farben getrennt, müssen Punkte auf dem Weg zum Ausgang eingesammelt oder gar Tetris-Figuren ermittelt werden. In Kombination sorgt das Duzend an Varianten für viel Querverrenkungen.

Jede neue Bedingung wird aber auf grandioser Weise mit einfachen Rätseln offenbart, ohne dass The Witness auch nur andeutungsweise eine Anleitung für bieten würde. Ihr probiert an den ersten Terminals einfach herum und löst die Aufgaben. Mit jedem Schritt wird es kniffliger und schon nach wenigen Schritten kommt der Geistesblitz und man hat die erforderte Bedingungen plötzlich durchschaut. Es ist geradezu einzigartig, wie der Spieler in The Witness unweigerlich einen Lernprozess durchlebt, mit jeder Erkenntnis weiter reift und daher auch fatal, wenn ihr Lösungen zu Rate zieht und damit letztendlich nicht die Erkenntnis durchlebt – etwas, was bei späteren Rätseln zu einer fatalen Falle und Sackgasse ausartet. Wenn diverse Bedingungen kombiniert werden, solltet ihr die einzelnen Mechaniken verstanden haben!

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Auch wenn es immer wieder eine Art von Terminal ist, wo die passende Lösung eingezeichnet wird, konzentriert sich The Witness nicht allein auf diese. Oftmals gilt es ein offenes Auge oder Ohr zu haben, auch wenn der Titel vor allem akustisch geradezu minimalistisch und vollkommen ohne Musik auskommt. In späteren Abschnitten durchwandert ihr zum Beispiel wundervoll mit Hecken angelegte Labyrinthe und gelangt am Ende an ein Tor mit einer Steuerung. Die Lösung findet sich in der Natur. Entweder erkennbar am farblichen Untergrund, oder aber am Knirschen des Kies. Es reicht nicht aus, alle Regeln der Mechanik zu kennen, ihr müsst euch auch in der Umgebung umschauen, um das Geheimnis der Insel und des Berges zu lüften. The Witness ist letztendlich kein gemütliches Spiel für den Feierabend, auch wenn es wohl kaum ein schöneres Eiland mit ähnlichen epischen Panoramen für tolle Screenshots und Wallpaper gibt. Wer in dieses Abenteuer eintaucht, hält seine Hirnzellen auf trapp und bringt diese im wahrsten Sinne des Wortes zum glühen. Jonathan Blow’s Schöpfung ist nichts für Gelegenheitsspieler und Anfänger. Selbst erfahrene Puzzle-Freaks werden mit The Witness ein Biest vorgesetzt bekommen, welches nur mit viel Fleiß gezähmt werden kann.

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Unser Fazit

82 %

The Witness ist ein richtig anspruchsvolles Rätselspiel geworden, welches wunderschön und idyllisch auf einer mysteriösen Insel angesiedelt ist. Leider artet der Titel in einen einzigen Denksport-Marathon aus, denn Verschnaufpausen in Form einer Art Story und gewissen Erfolgserlebnissen bietet das Abenteuer keine. Kaum die ersten Aufgaben gemeistert, werdet ihr in die weite Welt entlassen, könnt an den Terminals herumspielen und erlernt nach und nach die einzelnen Mechaniken - schlichtweg durch den jeweiligen Geistesblitz, welcher des Rätsels Lösung plötzlich offenbart. Hier wird keiner bei der Hand genommen, man muss selber ackern und das nicht zu knapp. The Witness ist ein ziemlich anspruchsvolles Spiel mit knackigen Rätseln, die durchaus einen zur Weißglut treiben können. Nichts für schwache Nerven und Gelegenheitsspieler, die ihr Hirn nach der Arbeit abschalten wollen. Auf dieser Insel wird es erst so richtig ausgelastet und das zerrt an der Substanz. Alles in allem hat Jonathan Blow aber wieder ein einzigartiges Kleinod geschaffen, welches Lorbeeren vor allen im Hinblick der Lernkurve und der Art, den Spieler zu unterrichten, verdient hat. Es steckt zudem viel Liebe im Detail, mit schier unendlich vielen Geheimnissen, die oftmals alles andere als offensichtlich sind und ein wachsames Auge verlangen. The Witness kann jedem empfohlen werden, der wirklich knifflige Aufgaben nicht scheut und auf der Suche nach zahlreichen Stunden Spielspaß ist.

Pro

  • + Extrem durchdachte Rätselkost, die sich nicht auf das jeweilige Element beschränkt, sondern auch die Spielumgebung mit einbindet.
  • + Äußerst anspruchsvoll und nichts, was an einem Abend durchgespielt ist.
  • + Die Lernkurve ist extrem gelungen. Jede neue Bedingung wird mit einfachen Rätseln eingeführt und sorgt damit für den nötigen Geistesblitz, um die Mechanik zu durchschauen.
  • + Äußerst idyllisches Eiland mit wundervollen Panoramen.
  • + Zahlreiche versteckte Boni und Eastereggs, sowie zusätzliche Aufgaben und Rätsel.

Kontra

  • - Reiner Rätselmarathon ohne ein wirklich zufrieden stellendes offensichtliches Ziel vor Augen zu haben. Keinerlei Story, welche das Geschehen auflockert.
  • - Die Eingabe der Lösung mittels des Controllers ist oftmals ein wenig hektisch und schwammig, je nach Perspektive auf dem Terminal.
  • - Immer wieder erreicht man den Punkt, wo der Frust gefährlich überwiegend ist und damit das Spiel seinen Reiz verliert.
  • - Manche Rätselmechaniken werden zu ausführlich in allen Variation durchlebt, was manchmal einfach Zuviel des Guten ist.
  • - Leider keinerlei Hintergrundmusik. Einzig allein atmosphärische Klänge vorhanden.

Unsere Bewertung

Grafik
 
88 %
Sound
 
50 %
Steuerung
 
75 %
Gameplay
 
85 %
Multiplayer
 
00 %
Spielspaß
 
80 %

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Aufgewachsen mit der ersten Nintendo-Konsole, fühlt sich Alexander Winkel eigentlich auf allen Plattformen heimisch. Trotz seiner offensichtlichen Hingabe zur Xbox – die vielen Gamerscore Punkte erspielen sich nicht von selbst – lässt er seine Schreibwut an allen Videospielen aus, unabhängig vom System.

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