WRC 3 - Test / Review - Ein Test über Stock und Stein - insidegames

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WRC 3 – Test / Review – Ein Test über Stock und Stein

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Veröffentlicht 6. November 2012 | 10:59 Uhr von Philipp Fanchini

Letzte Änderung 14. Dezember 2012

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Die goldenen Zeiten des Rallye-Sports sind vorbei. Dies merkt man auch an dessen Präsenz in den Medien: Bei den Übertragungen solcher Rennen hält sich sogar der ORF mittlerweile sehr zurück und Rallye-Fans müssen notgedrungen auf digitale Spartenkanäle wechseln. In diesen Zeiten, in welchen man sich nur noch unscharf an Kultfiguren wie Colin McRae erinnert, veröffentlicht die italienische Entwicklerschmiede Milestone FIA World Rally Championship 3. Was erwartet uns? Ein blasser Abgesang auf einen Rennsport, der in den letzten Jahren aus dem Interesse des Mainstream gedriftet ist, oder die digitale Wiedergeburt einer tollen Sportart? Wir finden es heraus in unserem Review.

Wer sich in letzter Zeit in unserem Forum herumgetrieben hat, weiss, derzeit beschäftigt sich der Schreibende nicht nur mit WRC 3, sondern auch mit Forza Horizon. Zwischen den beiden Titeln Vergleiche anzustellen, wäre aber komplett verfehlt, unterscheiden sich die Racer doch fast so deutlich voneinander wie Sebastian Vettel und Vin Diesel. Während sich das neue Forza in Richtung Arcade aufmacht, dominiert bei WRC 3 die fordernde Spielmechanik einer Simulation.

WRC 3 - FIA World Rally Championship

Beim ersten Anspielen erlaubt sich WRC 3 aber schon einen sehr groben Schnitzer in Sachen Authentizität: Unter den vielen Original-Teams picken wir uns das rein weibliche Duo Ramona Karlsson und Miriam Walfridsson heraus und nehmen eine einzelne Etappe mit leichtem Schwierigkeitsgrad in Angriff. (Trotz der FIA-Lizenz sind übrigens nicht ganz alle Teams im Spiel integriert – Ken Block beispielsweise fehlt. Ob das an Blocks Mitarbeit an DIRT 3 liegt?) Auf unserer „Jungfernfahrt“ geht bis zur ersten Kurve alles gut. Die Grafik aus dem Cockpit ist nicht überwältigend, aber relativ hübsch und wir rasen in Finnland an grünen Nadelbäumen vorbei. Einige wenige Ruckler und ein leichtes Tearing fallen dabei negativ auf, die Cockpitperspektive hingegen ist gelungen, auch wenn man etwas weiter hinten sitzt als in anderen Spielen. Dann passiert’s: Unsere Co-Pilotin gibt die ersten Anweisungen – mit einer tiefen Männerstimme! Die Gute scheint dem intensiven Whiskey- und Zigaretten-Konsum nicht abgeneigt zu sein. Anders kann man sich dieses schon sehr männlich klingende Stimmorgan nicht erklären. Wir machen also die Probe aufs Exempel, wählen ein anderes Team und erlangen Gewissheit: Derselbe Kerl sagt uns, welche Kurven vor uns liegen und in welchem Gang wir diese durchfahren sollten. Eine weibliche Stimme für die Co-Pilotin fehlt. Das Ganze ist natürlich nur ein Detail, aber gerade darauf legen Fans von Simulationen eben Wert. Da muss, oder sollte dann schon alles „stimmen“…

Auf der Strasse zum Ruhm

WRC 3 bietet neben der Möglichkeit, einzelne Rennen, oder gar Etappen in Angriff zu nehmen, gleich zwei Variationen des mittlerweile zum Standard gehörenden Karrieremodus: Zum einen ist dies die WRC Experience, in welcher man sich direkt für eines der realen Profi-Gespanne entscheidet und in den obersten Rallye-Klassen mitfährt. Zum anderen steht die sogenannte Road to Glory zur Verfügung. Wir widmen uns vor allem diesem Modus. Bei der Wahl dieser „Strasse zum Ruhm“ wandelt sich das Menu visuell merklich: Es dominiert ein Artwork im Comic-Stil. Das erinnert irgendwie an Beat’em’Ups aus den frühen 90er Jahren. Spontan kommen einem da die alten Neo-Geo-Prügler King of Fighters oder Fatal Fury in den Sinn. Wie dem auch sei, zu einer modernen Rallye-Simulation passen solch zeichnerische Ausschweifungen nur schlecht. Erst recht, wenn zur musikalischen Untermalung ultramoderner Dubstep aus den Boxen schallt.

WRC 3 - FIA World Rally Championship

Bei Road to Glory beginnt man als Rookie der Rallye-Szene und arbeitet sich mit Siegen hoch. Dabei hat man zu Beginn die Kontrolle über PS-schwache Kleinwagen mit Frontantrieb und kommt erst im späteren Spielverlauf in den Genuss wirklicher Rallye-Boliden, die sich übrigens alle mit neuen Teilen aufrüsten und tunen lassen. Zu den über 30 Fahrzeugen gehören auch Klassiker aus den 70er, 80er und 90er Jahren. So anfängerfreundlich wie sich das nun anhört, ist es aber nicht: Es gibt kein Tutorial und auch Tipps zur angebrachten Fahrweise gibt’s keine. Schade, driften ist ja nicht jedermanns Sache und die Fahrzeuge unterscheiden sich (erfreulicherweise) deutlich voneinander, was das Fahrgefühl anbelangt. In diesem Punkt fallen vor allem die unterschiedlichen Antriebsarten ins Gewicht. Anfänger des virtuellen Rallye-Sports dürften sich also zu Beginn einer recht steilen Lernkurve gegenübersehen. Hat man sich zudem an „konventionelle“ Rennspiele gewöhnt, bei welchen man etliche Runden auf den immer gleichen Strecken bewältigt, sorgt auch das einer Rallye zugrunde liegende Etappen-Prinzip (Fahrt von A nach B) für einige anspruchsvolle Momente. Gerade darin liegen aber auch Reiz und Faszination des Rallye-Sports: Es geht nicht darum, bekannte Kurse möglichst perfekt zu meistern, sondern intuitiv, mit möglichst kurzer Reaktionszeit und fahrerischem Können auf immer neue Situationen zu reagieren. Essentiell hierfür ist der Beifahrer, der euch stets über die vor euch liegenden Kurvenkonstellationen informiert. Vorbildlich ist, dass man in WRC 3 sogar die Möglichkeit hat, die Anweisungen im Optionsmenu zu timen: Sollen die Kommandos früher gegeben werden? Kein Problem. Vergeigt man trotzdem eine Kurve, steht eine Rückspulfunktion wie in den Forza-Titeln zur Verfügung, welche zu frustrierende Momente verhindert. Grundsätzlich kämpft man dabei übrigens gegen die vom Gegner aufgestellten Etappenzeiten. Direktbegegnungen mit mehr als einem Fahrzeug auf der Strecke gibt es nur in Spezialevents. Auch in Online-Rennen sieht man von seinen Gegnern nur die entsprechenden Ghosts auf der Strecke (kann stören, lässt sich aber abschalten). Einen Splitscreen-Modus gibt es nicht, dafür die Möglichkeit für eine Hot-Seat-Session für bis zu vier Spieler (Befahren der Etappe nacheinander).

WRC 3 - FIA World Rally Championship

Völlig losgelöst…

Das Fahrgefühl in WRC 3 vermittelt einen zwiespältigen Eindruck. Zwar reagiert die Steuerung adäquat auf die Bewegungen, die man mit dem Joypad vollführt. Das Gefühl, wirklich die Kontrolle über das Geschehen zu haben, stellt sich aber nicht vollends ein. Das mag auch daran liegen, dass die Fahrzeuge allesamt viel zu leicht wirken. In den ersten Rennen mit modifizierten Kleinwagen fällt das noch nicht so stark auf. Ein Citroën C2 ist eben auch nicht sonderlich schwer. Wenn man aber mit einem Mitsubishi Lancer Evolution X nur aufgrund einer kleinen Unebenheit in der Fahrbahn komplett abhebt, wirkt das schon sehr komisch und fern der Realität. Auch eine leichte Berührung mit dem Streckenrand kann die leichtgewichtige Karre um 180 Grad herumschleudern. „Unterstützt“ wird diese Leichtigkeit der Gefährte durch die visuelle Umsetzung: Fährt man mit der Aussenperspektive, wirken die Rallye-Boliden im wahrsten Sinne des Wortes aufgesetzt. Es scheint fast so, als ob der eigene Wagen den Untergrund gar nicht berührt und permanent einige Zentimeter über dem Boden schwebt. Auch deshalb sei hier die Cockpit-Perspektive empfohlen. Auf den engen Rallye-Strecken ist diese Einstellung sowieso zu bevorzugen, damit man seinen Wagen möglichst gezielt um die engen Kurven zirkeln kann.

Ein zwiespältiger Eindruck

Auch die im Spiel befahrbaren Strecken sind nicht eindeutig als rein positiv oder negativ zu verbuchen. Die Länge der Etappen wurde gegenüber dem Vorgänger deutlich verkürzt. So knapp wie in DIRT 3 fallen sie aber nicht aus und bilden so einen guten Kompromiss für Einsteiger und Fortgeschrittene Rallye-Piloten. Auf der negativen Seite muss man dem italienischen Entwicklerteam aber ankreiden, dass die Routen nach dem Baukastenprinzip aus den immer gleichen Strecken-Abschnitten zusammengeschustert worden sind (im zweiten Teil von WRC hat man gar alle Strecken vom Erstling übernommen und auch in Teil 3 gibt es Etappen, die bereits aus dem Vorgänger bekannt sein dürften). Die audiovisuelle Umsetzung wird gleichermassen von Licht und Schatten beherrscht: Vor allem die Soundkulisse mag während der Rennen zu überzeugen. Es ist eine wahre Freude, einem überzüchteten, hochtourig drehenden Motor und dem Röhren aus dem Auspuff zuzuhören. Kollisionsgeräusche kommen dagegen gleichförmig dumpf daher – ob man frontal in einen Baum knallt, oder mit der Fahrzeugseite an einer Böschung entlang schrammt, spielt da keine Rolle. Ganz im Gegensatz zu den Folgen für euren fahrbaren Untersatz: Schäden sind nicht nur kosmetischer Natur, sondern beeinflussen das Fahrverhalten deutlich. Im Vergleich zu den hässlichen Vorgängern stellt die neue Grafik-Engine zwar eine deutliche Verbesserung dar. Um technisch in der obersten Liga der Rennspiele mitwirken zu können, reicht es aber bei weitem nicht.

Unser Fazit

75 %

Als Gamer sieht man sich mit WRC 3 einem Spiel gegenüber, das im wahrsten Sinne des Wortes als Mittelmass gelten kann. Zwar sind viele Aspekte im Rallye-Racer zu finden, die gelungen sind und Spass machen. Für jedes positive Spiel-Element findet sich aber das jeweilige negative Gegenstück, oder die durchaus guten Ansätze wurden nicht mit letzter Konsequenz zu Ende geführt. Wie man es auch dreht und wendet: WRC 3 ist unter keinem Gesichtspunkt hervorragend, macht aber (bis auf die hässliche Comic-Ästhetik der Menus) auch nichts wirklich schlecht. Alle Rallye-Fans, die’s gerne realistisch(er) mögen und deshalb mit DIRT 3 nichts anfangen können, sollten dennoch einen Blick auf WRC 3 riskieren. Wie anfangs festgestellt, haben Begeisterung und allgemeines Interesse für den Rallye-Sport abgenommen. Dies hat auch für die Welt der Videospiele Folgen und vielleicht kann man in Sachen Rallye momentan einfach nichts Besseres erwarten. Gespannt schielt man als Anhänger dieses Rennsports auf das angekündigte Rallye-DLC für Forza Horizon und hofft auf bessere Zeiten.

Pro

  • + Neue Grafikengine...
  • + Tolle Motorensounds
  • + Stimmige Atmosphäre
  • + Rückspulfunktion

Kontra

  • - ...die nicht mit der Konkurrenz mithalten kann
  • - Menus im Comic-Stil
  • - Zu „leichte“ Fahrzeuge
  • - Strecken im Baukastensystem zusammengefügt

Unsere Bewertung

Grafik
 
73 %
Sound
 
80 %
Steuerung
 
79 %
Gameplay
 
79 %
Multiplayer
 
70 %
Spielspaß
 
80 %

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Kommentare

  • Loathing sagt:

    Schöner und gut geschriebener Review ! Danke dafür !

    Schade, dass das Rallye genre und in der Realität so ein Schattendasein fristet aber es ist zumindest in Deutschland so wie mit allen anderen Sportarten. Ist kein Deutscher vorne mit dabei wird das nix mit der TV zeit.

  • Philipp Fanchini sagt:

    Sali Loathing

    Vielen Dank für die lobenden Worte.

    Mit deinem Hinweis sprichst du natürlich ein gewisses nationalistisches Element an, das grundsätzlich Teil des Sports ist.

    Auch in der Schweiz werden bestimmte Sportarten nur dann übertragen, wenn eben ein Schweizer gut darin ist (Beispiele im Motorsport: Tom Lüthi oder Marcel Fässler).

    Gerade als Fan einer Sportart (und nicht eines Sportlers) kann das dann eben zu einer gewissen Enttäuschung führen. Weshalb man auf einmal eine Sportart gut findet, nur weil ein Landsmann (oder eine Landsfrau) darin erfolgreich ist, konnte ich persönlich auch nie nachvollziehen.

    Grüsse

    Philipp

  • Digger sagt:

    zum Glück gibt es Milestone mit der WRC Reihe, sonst hätten wir gar keine Rallyspiele mehr, das was Codemaster mit Dirt gemacht hat kann man ja nicht mehr Rally schimpfen.
    Was sehr Positiv kommt ist die Tatsache das sich Milestone mit jedem WRC teil deutlich verbessert hat

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